Tag 195: Whataboutism

Die letzten Wochen konnte ich nicht mehr schweigen, wenn in meiner Gegenwart bestimmte Phrasen mit Vorurteilen und Verschwörungsmythen geäußert wurden. Mein fachlicher Wissensstand ist inzwischen groß genug, dass ich für viele Aussagen ad hoc fundierte Daten nennen kann, leider gelingt das verbal nicht so gut wie mit Verweisen auf konkrete Studien. Leider wird die Diskussion oft sehr emotional. Die Menschen sind wütend, das merkt man. Wenn man einzelne Aussagen hinterfragt, stellt sich sehr oft Unwissenheit heraus, nicht einmal zwingend die Tendenz zu Verschwörungen, sondern es entsteht der Eindruck, die Regierung würde völlig überzogen handeln, wo doch die Zahl der Toten ziemlich klein ist. Ich sehe darin klare Defizite der Regierung, die nie erklärt hat, was eigentlich die mittelfristige Strategie ist. Am Anfang dachten wohl viele, das Virus sei durch den Lockdown ausgemerzt und man könne danach zu business as usual zurückkehren. Risikogruppen schützen, aber nur kurze Zeit. Aussagen darüber, dass das Virus mehrere Jahre für deutliche Einschränkungen im Alltag sorgen könnte, hat man zu ignorieren versucht (mich eingeschlossen). Die strengen Maßnahmen, obwohl in Teilen überzogen, waren erfolgreich. Österreich kam mit vergleichsweise geringen Fallzahlen, Intensivbettenbelegungen und Todesfällen davon. There is no glory in prevention – es ist so unendlich wichtig zu verstehen, was diese Aussage bedeutet. Damit ist nicht einmal gemeint, dass die Intensivstationen nicht an ihre Kapazitätsgrenzen gekommen wären, sondern dass auch viele Ärzte und Gesundheitspersonal, aber auch viele Reinigungskräfte in den Spitälern in der ersten Welle starben oder schwer erkranken. Das ohnehin – auch in Österreich! – chronisch mangelbesetzte Gesundheitspersonal schuftete wochenlang durch, ohne jegliche Anerkennung und Wertschätzung durch die Regierung. Das wird als selbstverständlich betrachtet – kein Impfstoff, um sich selbst zu schützen, Hochrisikoprozesse wie Intubieren, bei dem hochansteckende Patienten leicht behandelnde Ärzte anstecken können. Jeder Patient zusätzlich hätte das Ansteckungsrisiko erhöht. Gesundheit scheint erst dann wichtig, wenn man sie selbst nicht mehr hat. Es fällt schwer, das Präventionsparadox zu erläutern, selbst fundiert zu untermauern. Nicht mangels ausreichender Studien, sondern weil Fakten gerne mit Meinungen gekontert werden. Seriöse Wissenschaftler sehen die Daten vor sich und ziehen daraus ihre Schlussfolgerungen. Weil Daten öfter einmal unvollständig sind, insbesondere bei einem neuartigen Virus, können diese Schlussfolgerungen gelegentlich korrigiert werden – auf Basis weiterer Daten, und nicht auf den Beobachtungen und Vermutungen von Einzelnen. In diesem Artikel möchte ich auf ein paar häufige Aussagen eingehen, die vor allem darauf abzielen, die Gefahr, die von dem Pandemievirus ausgeht, zu verharmlosen und die gesetzten Maßnahmen als überzogen darzustellen.

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Meine Beweggründe, zu Covid zu schreiben

So mancher Leser und so manche Leserin mag sich vielleicht gefragt haben, weshalb ich hier so umfassend über Covid19 blogge und Artikel sammle, obwohl ich beruflich nichts damit zu tun habe. „Bitte kein weiterer selbst ernannter Virologe!“ könnte man sich denken.

Zu meinem Hintergrund:

Ich bin Autist und habe Meteorologie in Innsbruck studiert. Das Wetter war seit der Kindheit ein Hobby und später klassisches Spezialinteresse, zu dem ich massenhaft Wissen angehäuft habe, lange vor dem Studium und auch während dem Studium. Vieles von dem, was ich täglich im beruflichen Kontext anwende als Wettervorhersager, habe ich mir autodidaktisch beigebracht, also selbstständig, nur ein Bruchteil kommt vom Studium selbst. Autismus bedeutet im Kontext von Spezialinteressen, sehr akribisch und unermüdlich vorzugehen. Ich schrieb unzählige Fallstudien, sogar kleine „Draft Papers“ im Studium, ich machte immer mehr als nötig und verfasste meine Diplomarbeit freiwillig auf Englisch, um sie einem breiteren Fachpublikum zugänglich zu machen. Ich holte mir dabei auch Input von italienischen und amerikanischen Wissenschaftlern, der E-Mail-Austausch war natürlich auf Englisch.

Mein ehemaliger, leider verstorbener Mentor Stefan Hörmann pflegte den Leitspruch „Wissen ermitteln und vermitteln.“ Ob man eine Materie selbst verstanden hat, erkennt man erst, wenn man versucht, sie Dritten zu vermitteln. Ich machte das auch zu meinem Motto und erstellte mehrere professionelle Webseiten über das Wetter. Später folgte ein Blog, nachdem ich nicht gut mit Webseite programmieren bin und mit Anwendersoftware wie WordPress besser zurechtkomme und rascher Inhalte veröffentlichen kann (der aktuelle Blockeditor bedeutet leider einen Rückschritt, weil man für sowas einfaches wie Textfarbe und Zitat 3 Klicks mehr braucht).

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Tag 191: Das brav sitzende Virus

Infektionszahlen in Österreich nach Altersgruppen vom 04. Mai bis heute,
Quelle: http://just-the-covid-facts.neuwirth.priv.at/2020/09/17/covid-19-oesterreich-aktuelle-daten/

Die aktuellen Zahlen sprechen Bände. Das Virus wächst in die Breite, erfasst sowohl Kinder und Jugendliche (Schulen) als auch erneut ältere Menschen und damit die Risikogruppe. Die Zahl der positiven Tests ist aktuell doppelt so hoch wie zum Zeitpunkt des Lockdowns. Die ausbleibende Reaktion in Form eines erneuten Lockdowns könnte man im optimistischen Fall damit rechtfertigen, dass wir seit Mitte März deutlich klüger geworden sind und die Fehler vom Beginn nicht wiederholen. Wir könnten damit argumentieren, dass wir die vergangenen Monate gelernt haben, wo Cluster mit vielen Infektionen bevorzugt entstehen und wie wir diese Situationen erfolgreich vermeiden. Leider ist das genaue Gegenteil der Fall, denn die Zahlen steigen bei uns deswegen so stark an, weil genau jene Indoor-Situationen mit vielen Neuinfektionen gehäuft auftreten, die wir im März schon hatten: Bars, Discos, Restaurants, private Partys, Kirche, Theater, Hochzeiten.

„Es scheint der Menschennatur verhängt zu sein, durch Erfahrung dümmer und erst durch deren Wiederholung klüger zu werden, und besonders die Intelligenz muss viel mitmachen, bevor sie zu der Einsicht gelangt, dass eine Freiheit, die ihre Vernichtung herbeiführen würde, nur durch Hemmung zu retten ist.“

Karl Kraus: „Die Fackel“, Juli 1934, 890-905, 177

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Tag 188: Leserbrief an den FALTER

Sehr geehrte FALTER-Redakteure,

in der Ausgabe vom 09. September wurden 10 Fragen zu Corona gestellt. Mein Leserkommentar bezieht sich auf den Text zur Tröpfcheninfektion:

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Laut Aussage der FALTER-Autoren führen Virologen (welche?) die meisten Corona-Infektionen auf Tröpfchen zurück. Das entspricht jedoch nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Bereits Anfang Juli haben 239 Experten an die WHO appelliert, die Virusverbreitung über Aerosole endlich anzuerkennen. Nur so können die zahlreichen Massenübertragungsereignisse erklärt werden, die deutlich über ein bis zwei Meter Distanz hinausgehen. Ein bekanntes Beispiel in Österreich: Mitte Juni infizierte sich ein Arzt beim berüchtigten Rotary-Clubabend in einem Salzburger Lokal nachweislich, obwohl er nach eigener Aussage zehn Meter von zwei infizierten Personen entfernt stand. Mit der Bedingung von mindestens 15 Minuten und engem Kontakt hätten die wenigen infizierten Mitarbeiter der Bar in Ischgl viele Stunden benötigt, um derart viele Infektionen hervorzurufen. In der aktuellen Containment-Strategie der Behörden werden Kontaktpersonen selbst dann in ein hohes Infektionsrisiko eingestuft, wenn sie in geschlossenen Räumen die Mindestabstände einhalten. In der gleichen Ausgabe erwähnen Sie übrigens auch die geplanten Lüftungskonzepte für den Herbst. Bei Tröpfchen, die nach kurzer Zeit und Distanz zu Boden fallen, spielt Lüften aber keine wesentliche Rolle – Lüften ist eine präventive Maßnahme, um infektiöse Aerosolpartikel, die viele Minuten oder sogar Stunden in der Luft schweben können, rasch zu verdünnen. Das erklärt auch die geringe Wirksamkeit von Gesichts- oder Halbvisieren gegenüber Masken, was ebenfalls durch Studien belegt wurde. Es ist höchste Zeit, auch im Hinblick auf die rasant steigenden Fallzahlen, Aerosole als wichtigen Übertragungsweg endlich einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Von einer seriösen Wochenzeitung wie dem FALTER würde ich mir schon mehr journalistische Sorgfalt in der Recherche von wissenschaftlichen Erkenntnissen erwarten, die bereits seit Anfang Juli in den weltweiten Medien zirkulieren.

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Tag 185: Kampf gegen Windmühlen

Registrierte Neuinfektionen (7-Tage-Mittel) in Österreich und den einzelnen Bundesländern seit Mitte Februar, Quelle: http://just-the-covid-facts.neuwirth.priv.at/2020/09/12/covid-19-oesterreich-aktuelle-daten/

Plötzlich ist man mittendrin. In Wien steigen die Infektionszahlen derzeit exponentiell, österreichweit gestern mit 934 registrierten positiven Tests die zweitmeisten seit Beginn der Pandemie. Ein zweiter Lockdown wäre unter bestimmten Voraussetzungen noch zu verhindern, beschrieben hier in einem Vergleich von New York, wo die Fallzahlen seit dem Kollaps im März niedrig bleiben, und Madrid, wo die zweite Welle erneut die Spitäler überlastet. Ich poste oft genug Links zu Fachartikeln oder zu Experten auf Twitter, an dieser Stelle möchte ich ein paar emotionale Worte loswerden.

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Tag 182: FALTER-Virologen am Werk

„Der berühmte Meter Abstand und die Tröpfcheninfektion“

Schon in der FALTER-Ausgabe vom 15. April wurde in den „7 Sachen, die Sie über Sport und Corona noch nicht wussten“ hat man die umstrittene Simulation als Erklärung herangezogen, die auf keiner Beobachtung beruht und beim Abstand halten beim Radfahren etwa Seitenwinde gar nicht einberechnet hat. Ich hab in meinem Meteoerror-Blog darüber berichtet. In der neuesten FALTER-Ausgabe vom 09. September sind einige zweifelhafte Erläuterungen in den „Zehn Fragen zum Corona-Herbst“ enthalten. Ganz grundsätzlich werden nur wenige Aussagen mit Zitaten und Literaturverweisen belegt. Meiner sechzehnjährigen Erfahrung in Österreich nach ist das einer der Grundübel in diesem Land, dass nichts belegt werden muss. Weder in der FAQ des Gesundheitsministeriums noch von der AGES in ihren kurzen Videobotschaften. Es werden einfach keine konkreten Studien angeführt im wissenschaftlichen (Name et al., YYMM) -Format. Dadurch können weder Experten noch (interessierte) Laien nachprüfen, wie diese Aussage zustandegekommen ist.

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Tag 180: Der Herbst wird das Fürchten lehren

Mein Problem mit der Corona-Ampel skizziert

In ganz Europa wird es nicht leicht werden, aber in Österreich klaffen Anspruch und Realität weit auseinander. Das gestrige zib2-Interview von Armin Wolf mit Bildungsminister Heinz Faßmann zeigte anschaulich das Dilemma. Ein realitätsferner Minister, der ernsthaft davon ausgeht, dass jeder Arbeitgeber in Österreich Verständnis dafür haben werde, wenn die Eltern wegen erkrankter oder in Quarantäne befindlicher Kinder zuhause bleiben müssen. Die Aussagen der führenden Experten in Österreich widersprechen sich. In meiner Corona-Übersicht habe ich alle mir bis dahin bekannten Experten aufgelistet, die sich bisher öffentlich geäußert haben.

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Unnötig

WordPress hat leider seinen grauslichen Blockeditor zur Default-Einstellung gemacht und ich komm damit überhaupt nicht klar. Alles ist total unübersichtlich und Inhalte gingen auch schon verloren. Im Firefox lädt der Editor überhaupt nicht, speichern geht auch nicht, blablaquakquak, ich bin der Anwendertyp, brauche eine niederschwellige Benutzeroberfläche, ich will keine neue Programmiersprache lernen müssen. Wenn ich das könnte, würde der Blog professioneller aufgezogen werden. Aber ich will es nicht können, ich hab dafür nicht die Zeit und vor allem keine Geduld. Mit Gewalt erzwingen geht nicht. Mich macht das rasend, wenn von einem Tag auf den anderen umgestellt wird ohne vernünftige Alternative. Ich hab für so einen Mist wirklich keine Ressourcen.

Für heute fehlt mir die jetzt die Lust.

Tag 170: NHS, CDC, WHO, AGES – unglückliche Kommunikation

Die SARS-CoV-2-Pandemie zeichnet sich auch durch eine unglückliche Rolle der führenden Gesundheitsbehörden in den Staaten und der WHO aus. Ich kann mich an eine Folge von John Campbells Podcast über das Virus erinnern, wo er kein gutes Haar am britischen NHS lässt. Das US-amerikanische CDC ließ vor kurzem neue Test-Richtlinien verlautbaren, die sehr umstritten sind. Die österreichische AGES schreibt in ihrer Corona-FAQ, die u.a. auch auf der Seite der Ärztekammer verlinkt war und an Betriebe verteilt wurde, kein Wort zu Aerosolen und dass Abstände in Innenräumen eben nicht ausreichen, um sich vor der Ansteckung zu schützen. Die WHO weigerte sich monatelang, die Wirksamkeit von Masken anzuerkennen, was ein gefundenes Fressen für Kritiker dieser Maßnahmen war.

Als Laie maße ich mir nicht an, vermeintliche fachliche Defizite zu kritisieren, sondern die oft widersprüchliche Kommunikation, die Verwirrung und zunehmende Skepsis in der Bevölkerung hervorruft und letztlich dazu führt, dass die Maßnahmen nur widerwillig eingehaltet werden und bei der kleinsten Lockerung sofort alle Vorsicht über Bord geworfen wird. Weiterlesen

Tag 165: Am Berg gibts kein Corona

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Wanderurlaub in den Rottenmanner Tauern

Eine Woche Urlaub Mitte August, während die Zahl der positiven Covid-Tests wieder stark ansteigt. Ursprünglich – vor Corona – wollte ich ins Ausland, dachte an Italien, Schweiz oder Slowenien. Dann überlegte ich eine Woche an den Grünen See bei Tragöß im südlichen Hochschwab. Doch dank der massiven Steiermarkwerbung war das favorisierte Hotel schon ausgebucht und angesichts Berichte über extremen Tagestourismus befürchtete ich dasselbe für die anderen Unterkünfte. In diesem Sommer hatte ich schon mehrmals – auch unter der Woche – erlebt, wie sonst selten frequentierte Bergregionen wesentlich mehr Trubel erlebten als sonst. Ohne Auto bin ich auf öffentlich gut erreichbare Ziele angewiesen. Das schränkt schon ziemlich ein, speziell, weil einsame Regionen – no na – schlechter ans öffentliche Netz angebunden sind. Dann machte auch das unbeständige Sommerwetter einen Strich durch die Rechnung, so blieben nur zwei stabile Bergtage übrig. Seit Anfang Februar hatte ich bis dahin erst eine Nacht auswärts verbracht (im Freinerhof im Oberen Mürztal Ende Juni). Meine Wahl fiel schließlich auf eine Berghütte in den Rottenmanner Tauern – die unglücklicherweise über eine Mautstraße erreichbar ist, aber in der Eile tat ich mir schwer, ein anderes Ziel zu finden.

Ich blogge schon seit Mitte März sehr regelmäßig über das Virus und kenne daher die Risiken. Zwei Tage Hüttenübernachtungen waren natürlich ein Risiko. Lager kam für mich nicht in Frage, das reduzierte die Auswahl auf öffentlich erreichbare Hütten mit Zimmer. Am meisten fürchtete ich mich vor längerem Aufenthalt in geschlossenen Räumen, also beim Abendessen und Frühstück – auch deshalb wartete ich lange ab, bis sich die Wettervorhersage als absolut stabil herausstellte. Im Folgenden mein – leider sehr ernüchternder – Bericht über drei Tage am Berg: Weiterlesen