Tag 74: Vermeide die drei C’s!

Der Gottesdienst in Frankfurt, das Restaurant in Ostfriesland. Nach den Lockerungen treten die „Cluster-Ausbrüche“ erstmals dort auf, worauf Erfahrungen aus aller Welt schon länger hindeuteten. Singen ist besonders effektiv, um hohe Mengen an Virenpartikeln auszuscheiden und zu inhalieren, weil dabei tief ein- und ausgeatmet wird. Hinzu könnte ein Faktor kommen, der auch in Paketzentren oder Schlachthöfen eine spezifische Rolle spielt: Kalte Umgebungen, denn in Gotteshäusern ist es aufgrund der dicken Gemäuer häufig empfindlich kühler als draußen. Bei kalter Umgebungsluft bleibt das Virus aber länger stabil und kann leichter von Wirt zu Wirt springen. Auch die begünstigte Verbreitung in Restaurants, insbesondere in Innenräumen mit schlechter Durchlüftung und vielen Menschen, die sich längere Zeit auf engstem Raum aufhalten, ist schon einige Wochen bekannt. Genauer gesagt Monate, wenn man die positive Entwicklung von Japan in die Erkenntnisse einbezieht, die ohne Lockdown die Kurve flach halten konnten.

Experts are also credited with creating an easy-to-understand message of avoiding what are called the “Three C’s” — closed spaces, crowded spaces and close-contact settings — rather than keeping away from others entirely.

“Social distancing may work, but it doesn’t really help to continue normal social life,” said Hokkaido University’s Suzuki. “The ‘Three C’s’ are a much more pragmatic approach and very effective, while having a similar effect.”

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Tag 70: Das Virus ist nicht verschwunden

Das Virus ist nicht weg, nur weil jetzt großzügig gelockert wird. Die Regierung hat leider von Beginn an versäumt, wissenschaftliche Zusammenhänge zu erklären. Das kann sie auch gar nicht, denn das ist nicht Aufgabe der Politik, sondern der Experten im Expertenstab. Wir erfahren bis heute nicht, wer da eigentlich drinsitzt und welche Daten die Grundlage für die Entscheidungen waren. Erst später wurde ein umstrittenes Expertenpapier bekannt, man erfuhr die Namen derer, die überstimmt wurden, als Kurz Ende März von der „Ruhe vor dem Sturm“ sprach. Darunter auch der geschaste Public-Health-Experte Martin Sprenger, der mit seiner Corona-Ampel ansatzweise die Übersicht liefert, die sich vermutlich die Mehrheit der vernunftbegabten Einwohner von Österreichs erhofft haben. Bin ich von vielen Infizierten umgeben, muss ich mich stärker einschränken, wie gefahrlos kann ich mich bewegen? Man hätte diese Risikoabstufung analog zu Hitze- und Lawinenwarnungen dazu verwenden können, regional zu lockern statt im ganzen Land, wodurch die Ausbreitung der Infektion und Nachverfolgung erschwert wird. Weiterlesen

Tag 68: Rückblick in Bildern

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Spektakulärer Untergang über dem Wienerwald, 17. Mai

Seit Beginn des Lockdowns war ich viel unterwegs, zu Fuß und mit dem Fahrrad, später wieder mit den Öffis und der Bahn. Mein persönliches BestOf ist hier festgehalten. Über ernstere Themen gäbe es genug zu bloggen, aber ich bin heute urgrantig und fürchte, das wird nicht sachlich enden. Also lasse ich heute die – nicht chronologisch geordneten – Bilder sprechen:

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Tag 67: Infektionswege

Wie ich schon am 06. Mai in meinem großen Übersichtsartikel erwähnt habe, kann die Infektion auch über ein einfaches Gespräch stattfinden. In den letzten Tagen war die Aufregung groß, weil eine neue Studie aufzeigte, dass Übertragungen bereits stattfinden können, wenn in Innenräumen normal gesprochen wird. Ebenso gibt es (überraschte?) Reaktionen auf eine deutsche Studie, die (wenn auch nur mit wenigen Fällen) bestätigt, dass Übertragungen bereits vor Auftreten der ersten Symptome stattfinden. Schon vor ein paar Wochen wunderte ich mich, als in deutschen Onlinemedien bekanntes Wissen als vermeintlich bahnbrechende neue Erkenntnis verkauft wurde. Auf welchem Planeten habt ihr die letzten zwei Monate verbracht? Seid ihr schon so eingelullt von den täglichen Pressekonferenzen, dass ihr gar nicht mehr wisst, warum wir uns an die vielen Verordnungen halten? Seit Mitte März informiert die AGES darüber. 

Ihr Chef Franz Allerberger am 21. März im Video über Übertragungsrisiken:

„das Reden selber alleine auf engem Raum reicht aus, um in Einzelfällen das Virus zu übertragen“

Im heutigen Text versuche ich noch einmal aufzudröseln, wie Infektionen stattfinden können und wie sie wirklich stattfinden. Ein Grundproblem der Infodemie ist nämlich die mangelnde Unterscheidung zwischen Studien, die im Labor stattfinden und Untersuchungen von tatsächlich stattgefundenen Ereignissen oder real existierenden Situationen. So werden Theorie und Praxis vermischt, und heraus kommen dann realitätsferne Abstandsregeln für Radfahrer, die selbst aktuell noch vom Alpenverein als neue Verhaltensregeln verkauft werden (siehe Mountainbike/Tourenrad, E 2). Weiterlesen

Tag 64: Vitamin D wichtiger als angenommen?

Ich verfolge die täglichen Youtube-Videos des Krankenschwester-Lehrers Dr. John Campbell nun schon seit Ausbruch der Pandemie Mitte März. Er hat von Beginn an die wichtige Rolle von Vitamin D betont und immer wieder bekräftigende Studien geliefert, etwa dass Vitamin D GENERELL gegen (schwere) Atemswegsinfektionen schützt. Bei Menschen mit ausgeprägtem Vitamin D-Mangel ist die medikamentöse Substitution effektiver als bei Menschen mit geringem Mangel oder normalen Werten. Bei ausgeprägtem Mangel verringert sich das Risiko jedoch um 70%! Er hat später auch aufgezeigt, dass in den USA 42% der Gesamtbevölkerung einen Vitamin D-Mangel aufweist. In der Bevölkerung mit dunkler Hautfarbe sind es sogar 82% und unter den Hispanos 70%. In zahlreichen Untersuchungen zur erhöhten Sterberate finden sich immer wieder Schwarze und Hispanos an der Spitze. In vielen Artikeln und Medienberichten wird die erhöhte Mortalitätsrate aber vorwiegend mit der gesellschaftlichen Benachteiligung in Verbindung gebracht, ein Faktor, aber möglicherweise nicht der alleinige Faktor.

So ist wissenschaftliche Tatsache, dass dunkle Haut zwar längere Zeit vor Sonnenbrand schützt, dafür aber auch langsamer Vitamin D produziert als hellere Haut. Der Großteil der Vitamin D-Produktion findet über die Sonne statt, nur etwa zehn Prozent über die Nahrungsaufnahme – ein Grund für den verbreiteten Vitamin-D-Mangel in der kalten Jahreszeit.

Vitamin D ist essentiell für die Regeneration der schützenden epithelialen Barriere der Alveoli in den Lungen, wo der Austausch von Sauerstoff und Kohlendioxid stattfindet. In den Alveoli verursacht das Virus lokale Entzündungen. Der Großteil wird aber von der Immunantwort selbst verursacht. Entzündete Flüssigkeitsansammlungen verhindern den Gasaustausch und verursachen Atemprobleme (ARDS). Vitamin D ist außerdem wichtig für die Reifung von Immunzellen. Weiße Blutzellen wie Lymphozyten, Monozyten, Neutrophile und Dendritische Zellen besitzen alle Vitamin-D-Rezeptoren.

Campbell bezieht sich in der gestrigen Zusammenfassung auf einen Artikel von JoAnn E. Manson, Professorin für Medizin an der Harvard Medical School. „The evidence is quite compelling“. Vitamin D ist demnach in der Lage, schwere Verläufe durch Covid19 zu verhindern. Ihr Ratschlag:

Geht raus an die frische Luft in die Sonne, bewegt Euch, aber haltet dabei Abstand!

Diesen Blogtitel hatte ich bereits an Tag 28 (08. April), also noch inmitten des Lockdowns, gewählt, und mich dabei auf einen Artikel über die Lehren aus der Spanischen Grippe bezogen, den ich hier gerne zum 150. Mal verlinke. Das ist geradezu das Gegenteil von #Staythefuckhome oder #Zuhausebleiben. Die Annahme dahinter ist nämlich, dass all jene, die draußen unterwegs sind, automatisch zur Grüppchenbildung neigen und damit das gegenseitige Infektionsrisiko erhöhen. Abstand halten war erfolgreich, das ist unbestritten, aber Abstand halten funktioniert im Freien wesentlich besser als wenn etwa Familien in den Wohnungen bleiben und sich dadurch ständig über den Weg laufen.

Abstand halten funktioniert auch durch Homeoffice effektiver als in Großraumbüros, und wenn wir je wieder zu einer normalen Bürokultur zurückfinden wollen, dann wird jetzt wieder die Zeit der Einzelbüros kommen und der Trennwände, um unmittelbare Infektionswege zu unterbinden. Aber das ist eine andere Baustelle, um die soll es hier nicht gehen.

Die Medizinprofessorin empfiehlt in Zeiten von Covid19, die (künstliche) Vitamin-D-Zufuhr deutlich zu erhöhen, auf 1000 bis 2000 IU täglich, das entspricht 25-50 mgr Vitamin-D3. Zum Vergleich: Meine zur wöchentlichen Zufuhr gedachten Vitamin-D3-Kapseln enthalten 10000 IE, das entspricht 250 mgr, also 35mgr täglich.

Campbell betont, um Missverständnissen vorzubeugen, dass Vitamin D nicht vor der Infektion mit Covid19 selbst schützt, aber vor gefährlichen antiviralen und bakteriellen Lungeninfektionen, eine der Hauptkomplikationen von Covid19.

Nur einmal anekdotisch gedacht: Meine letzte Atemwegsinfektion war am 20. März 2016. Das weiß ich noch genau, weil ich mit einem Freund an der Flatzer Wand einen leichten Klettersteig gegangen bin. Tagsüber fühlte ich mich gesund. Auf der Heimfahrt lief die Klimaanlage im Auto auf Hochtouren. Ich spürte den kalten Luftzug und fröstelte. Am nächsten Tag lag ich flach mit Fieber und Gliederschmerzen. Der grippale Infekt dauerte über eine Woche, am elften Tag machte ich wieder eine Wanderung in der Wachau, ließ es aber langsam anghen.

In den Folgejahren hatte ich keine einzige Erkältung mehr, dafür wiederkehrende Magen-Darmbeschwerden mit Sodbrennen, Reflux bis hin zu Magendarminfekten. Schnupfen, Stirnhöhlenbeschwerden und trockener Husten ausschließlich in Zusammenhang mit Reflux. Sobald ich die Ernährung umstellte, verschwanden die Beschwerden wieder. 2016 war auch das Jahr, wo ich teilzeitbedingt deutlich mehr Wanderungen machte als in den Vorjahren. In den Folgejahren war ich weiterhin exzessiv häufig unterwegs, ich brachte es auf über 70 Wanderungen im Jahr, im Schnitt also alle fünf Tage, und gelegentlich noch kurze Radfahrten oder kleinere Fotospaziergänge. Die Refluxbeschwerden verschwanden zu Jahresbeginn 2019, die Darmbeschwerden mit der Laktoseintoleranz-Diagnose im Herbst 2019. Jetzt spüre ich vor allem noch die Histaminunverträglichkeit, die pseudogrippeähnliche Symptome hervorrufen kann. Die klassische Atemwegserkrankung mit Schnupfen und Halsweh blieb mir weiterhin erspart. Ich hab Vitamin D immer wieder supplementiert, blieb aber schleißig, was die Regelmäßigkeit betrifft (klar eine Schwäche von mir). Aber: Ich bin weiterhin viel draußen unterwegs. Ich war keineswegs immer so gesund. Vor 2016 war ich häufig krank, was aber auch an Großraumbüro und psychischem Stress lag, ich war die Jahre davor aber auch weniger sportlich aktiv und hing überhaupt vor 2010 viel zu oft vor dem Computer statt rauszugehen. Ob das der alleinige Grund ist, weiß ich nicht. Die letzte influenzaähnliche Erkrankung hatte ich am 17. März 2013, danach lag ich über eine Woche mit hohem Fieber flach. Am 16. März machten wir eine anstrengende Schneeschuhwanderung, im Anschluss hatte ich Nachtdienst. Auf der Rückfahrt in der U-Bahn saß neben mir ein symptomatischer Mann, der ganz blass im Gesicht war und hustete. So hab ich mir den Infekt imho eingefangen. Vielleicht hätte damals das Masken tragen eine (schwere) Infektion verhindert. Mein Immunsystem war offensichtlich durch die körperliche Anstrengung und das anschließende Schlafdefizit geschwächt.

Letzendlich bleibt es ghupft wie ghatscht. Bewegung, ausreichend Schlaf und genug Vitamin D im Blut können nur ein Vorteil in der Risikominimierung eines schweren Verlaufs sein – sie können aber – und das ist wichtig, um keine Mythen über die vermeintliche Wunderwaffe Vitamin D zu produzieren – eine Infektion nicht verhindern, und die bekannten Faktoren Vorerkrankung, Virendosis bei der Übertragung, und (fehlende?) Hintergrundimmunität spielen weiterhin eine tragende Rolle, wie schwer man erkrankt, zzgl. derzeit noch unbekannter Faktoren.

Tag 62: Wie man eine zweite Welle verhindern könnte

Orchis militaris (Helm-Knabenkraut) am Wartberg, Ulrichskirchen (Weinviertel), 11. Mai 2020

Just thinking …wir laufen derzeit Gefahr, sehenden Auges in die Katastrophe zu gehen. Das kommt bekannt vor? Seit über 30 Jahren predigen das die Klimaforscher aufgrund des anthropogen verursachten Kohlendioxidausstoßes. Die Änderungspolitik war bisher zu halbherzig, denn die Folgen sind in den wenigsten Fällen unmittelbar, sondern langfristig, also weit über die Dauer einer Legislaturperiode hinaus. Verheerende Hochwässer wie 2013 gab es in der Menschheitsgeschichte schon öfter, Dürrezeiten wie die vergangenen Sommer werden nicht als Katastrophe wahrgenommen, weil die Mehrheit Sonnenschein und Hitze durchaus mag. Solange Lebensmittel günstig aus anderen Ländern importiert werden können, nimmt man die Missernten im Inland kaum wahr. Hitzerekorde wie im vergangenen Sommer sind bald vergessen, Waldbrände wie rund um Tschernobyl sind nur kurz in den Schlagzeilen. „Ausland“ eben. Der im Flachland kaum existente Winter stört nur die nostalgischen Bewohner, nicht aber jene, die wegen der horrenden Heizkosten kaum ihre Miete zahlen können. Ein wärmer werdendes Klima scheint nicht zu stören, die Städter noch mehr als die ländliche Bevölkerung, doch es sind letztere, die zum Wasser sparen aufgerufen werden, deren Brunnen versiegen, die das Artensterben hautnah miterleben, die ihre Äcker künstlich bewässern müssen und die Heu zukaufen müssen, weil der Grasschnitt heuer wieder sehr mager ausfällt. Obwohl der Trend relativ eindeutig ist, fehlen klare Bekenntnisse der Regierung, die Folgen der Erdwärmung als größte Bedrohung des Wohlstands einzuordnen. Lobbypolitik ist eben wichtiger, so lange wie möglich die Augen vor der Wahrheit verschließen und so tun, als könnten wir ewig so weiterwurschteln.

Einen sehr ähnlichen Prozess erleben wir derzeit mit der Pandemie. Die Wissenschaftler warnen seit Wochen vor einer zweiten, viel größeren Welle und ziehen als historisches Beispiel die letzte vergleichbare Pandemie, die Spanische Grippe, heran. Auch damals hat man gelockert, im Herbst kam die vernichtende zweite Welle. Ist die große zweite Welle unvermeidbar? Müssen wir wieder in den Lockdown? Versetzen wir der Wirtschaft damit den Todesstoß?

Mein Optimismus ist aufgrund unserer Regierung begrenzt, das Grundlagenwissen der Bevölkerung hinsichtlich Ansteckungsrisiko, Immunsystem und Erkrankungsfolgen stark ausbaufähig, und zwar in allen Sprachen, sodass es alle mitbekommen, denn es müssen alle mithelfen, nicht nur die lieben Österreichinnen und Österreicher.

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Tag 60: Die Anpassungsphase beginnt

Quelle Grafik: profilonline bzw. Tweet von Jakob Winter

Danke für das Feedback zu meinem Übersichtsartikel vor vier Tagen. Dass monoklonale Antikörper in der Therapie verwendet werden und nicht als Impfstoff zu verstehen sind, habe ich nachträglich angemerkt, danke für den Hinweis. Ich schrieb außerdem, dass Telefonate in den Öffis unhöflich seien, weil durchs Sprechen Virenpartikel in der Umgebung verteilt werden. Diese Aussage steht auch nahezu wörtlich im Interview mit der Chef-Epidemologin Daniela Schmid von AGES. Danke an Martin Stephanek von Futurezone.at für das gute Interview, klare Aussagen, mit denen jeder etwas anfangen kann, kein schwammiges Geschwurbel.

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