Tag 503: Faktencheck: Warum der Chefredakteur vom FALTER ZeroCOVID nicht verstanden hat

Geschätzte Zahl der Halb- und Vollwaisen in Österreich seit Pandemiebeginn, Quelle: Imperial College London

Ich beziehe den Falter seit knapp zwei Monaten nicht mehr und habe meine Entscheidung nicht bereut. Jetzt wurde mir ein Text von Chefredakteur Florian Klenk [Falter & Meinung, FALTER 30/21, 28. Juli 2021] zugespielt, den ich ausnahmsweise wieder einem Faktencheck unterziehen möchte. Zuerst die Aussagen, denen ich zustimmen kann:

Vier Tage bin ich vergangene Woche durch Österreich gereist und nur ein einziges Mal hat jemand meinen Impfpass oder meinen Test ernsthaft kontrolliert. In Restaurants, Taxis und Cafés immer die gleiche Sorglosigkeit. „Sads eh gimpft?“ – „Jo.“ – „No donn passts.“ In meinem Hotel trug niemand Maske, in Klagenfurt drängte mich ein Taxler dazu, „den Fetzen“ abzunehmen. Er, die Nase draußen, beruhigte mich: „Mich stört’s wirklich nicht!“ Ich: „Mich schon.“ Zugleich erreichen uns in der Redaktion E-Mails, wie sich Testzertifikate für den Grünen Pass fälschen lassen und wie man Stempel im Impfpass erschwindeln könne. Die Ärztin im Austria Center Vienna riet mir im Aufklärungsgespräch vergangene Woche übrigens dezidiert von der „Kreuzimpfung“ ab, die in Deutschland explizit empfohlen und praktiziert wird. Sensiblere Gemüter wären möglicherweise nachhause gegangen. PCR-Gurgeltests gibt es fast nur in Wien, wir schaffen es zwar, jeden Österreicher mit Medizin zu versorgen, aber bei Salzwasserflakons und Labordiagnostik hört die Logistik auf.

Ja, die Sorglosigkeit und Schleißigkeit bei Kontrollen ermüdet mich auch, ebenso die Versuche, sinnvolle Regelungen zu umgehen. Die widersprüchlichen Aussagen zu den Impfstoffen hilft nicht. Das mangelnde österreichweite Testangebot verschleppt die Eindämmung der DELTA-Variante und verursacht unnötige Opfer, darunter auch viele junge Menschen.

Soweit so gut – hätte der FALTER auch im Sommer und Herbst 2020 so energisch für die Einhaltung der Maßnahmen in den Schulen (Masken, PCR-Tests für Kinder) argumentiert, dann hätte ich mein Abo womöglich gar behalten und könnte den Falter als eines der wenigen Medien positiv hervorheben, dass sich pro Wissenschaft geäußert hat. Hat es aber nicht. Zum FALTER gab es die Addendum-Beilage, die den Schwedischen Weg bejubelt hat, die Wissenschaftsbeilage mit Aussagen von Covid-Verharmloser Sönnichsen, und die Weigerung, Aerosole als wichtigen Übertragungsweg anzuerkennen – begründet wurde das mit den Aussagen der „renommierten Wissenschaftler Streeck und Allerberger, die Experten auf ihrem Gebiet wären“, was sie aber nicht sind. Streeck ist HIV-Experte und Allerberger Durchfallexperte – eigene Aussage von Allerberger bei einem Vortrag am 12. Februar 2020 auf der Uni Salzburg:

Und wenn Sie irgendwo googeln und schauen, wer über was publiziert, dann werden Sie sehen, Allerberger Coronaviren Null Result, also bitte ja nicht missverstehen, was ich Ihnen sage. Ganz sicher kein Experte.“

Ich hatte übrigens tatsächlich gegoogelt und bin so auf das Video gestoßen – den bezahlten Journalisten des FALTERs ist das bei der Recherche zu Allerberger offenbar entgangen – ach was red ich, zu renommierten Experten muss man nicht recherchieren, denen glaubt man einfach so.

Am 14. Juli 2021 schrieb Klenk in einem Tweet:

„Bhakdi ist also der Meinung Israel sei schlimmer als NS-Deutschland. Vielleicht wird jetzt klarer, wieso wir diesen Mann im Falter nie ernst genommen haben.“

In einem FALTER-Text vom 03. März 2020 hieß es allerdings ….

„In ihrem Buch „Schreckgespenst Infektionen“ zeichnen die beiden Mediziner Sucharit Bhakdi und Karina Reiss nach, dass die Reaktionen auf gesundheitliche Risiken oft schädlicher waren als die Krankheit selbst.“

Den Leiter der Public Hell Abteilung der AGES, Franz Allerberger, kann man allerdings auf eine Stufe mit Bhakdi stellen – spätestens seit er der COVID-Leugner-Plattform von Wodarg, OvalMedia, am 21. Juni 2021 ein Interview gab.

„Wenn es weltweit keine PCR-Tests gegeben hätte, wäre es nach meinem Dafürhalten niemandem aufgefallen .“

Allerberger ist im März 2021 auch beim „Corona.Film“ von Robert Cibis und Bert Ehgartner, einem Impfgegner, aufgetreten, u.a. mit Bhakdi, Wodarg, Haditsch, Raphael Bonelli und John Ioannidis. Der von Klenk weiter unten zitierte „Medizinjournalist Kurt Langbein“ war als Co-Autor gemeinsam mit Ehgartner an einem populistischen Buch über Medizin beteiligt, wo ebenfalls AIDS geleugnet wird, und sie sich dabei auf Aidsleugner Christian Fiala berufen haben. Fiala schrieb wiederum gemeinsam mit FALTER-Kolumnist und ehemaligen PROFIL-Herausgeber Peter Michael Lingens ein Buch über AIDS.

Wie gut, dass niemand weiß, wie tief dieser Sumpf aus Verharmlosung, Leugnung und stützenden Journalismus in Österreich ist.

Wie sehr Klenk im Anschluss aber die Befürworter von ZeroCovid verunglimpft, ist beschämend. Da trifft der Kommentar von @BaraWeber den Nagel auf den Kopf:

„Was für eine Gesellschaft, die nicht auf andere schaut und sich über die lustig macht, die es tun.“

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Tag 500: Herdenmüdigkeit

Ich nahm letzte Woche eine kleine Auszeit von der digitalen Welt und deinstallierte Twitter für ein paar Tage vom Handy und befüllte auch den Blog mal nicht mit den neuesten Erkenntnissen über das Virus oder die skandalösen politischen Vorgänge im Land. Natürlich blieb ich im Inland und hatte angesichts von DELTA schon ein schlechtes Gefühl, die paar Tage Wanderurlaub durchzuziehen. Der Zug war leer, der Bus auch dünn besetzt, die Anreise kein Problem. Bis auf die 2km Fußweg zur Unterkunft, die öffentlich nicht angebunden ist. Autofahrer können übrigens im Tal überall kostenlos mit der Gästekarte parken, aber für den nur 3-4x am Tag fahrenden Bus zahlte man Zwei Euro Fünzig für 5 Minuten Fahrtzeit. Nun ja, so lockt man Sanften Tourismus nicht an. Beim Gasthof angekommen empfing man mich mit den Worten, dass ich die Maske absetzen könnte, denn die Maskenpflicht sei im Juli gefallen. An der Rezeption gleich nochmal, aber ich ließ sie lieber auf. 3G wurde dafür strikt im Gastgarten kontrolliert und indoor gabs kein Service. Das Frühstück war buffet-artig im riesigen Frühstücksraum aufgebaut, von denen die sechs Tische für Übernachtungsgästen alle dicht beieinander standen. Warum den ganzen Platz ausnutzen, wenn nur EIN METER vorgeschrieben sind? Draußen frühstücken war zum Glück kein Problem.

Ich war die Tage meistens draußen, bin gewandert, war einmal auf einer Berghütte draußen ein Supperl essen. Drinnen trug ich die Maske, nicht als einziger Gast, und im Gegensatz zum Vorjahr wurde ich nicht deppat angemacht deswegen, was sehr angenehm war. Die Unterkunft selbst zwar nicht glücklich gewählt. Zu spät Frühstück, zu früh Küchenschluss und tagsüber ein Ausflugslokal für Gäste aus der ganzen Welt. Das Hallstatt der Steiermark (naja, jetzt kommt ihr eh drauf, wo ich war ….), aber von den internationalen Gästen gingen nur wenige in den Gastgarten wegen der streng kontrollierten 3G-Regel (offenbar 2500 Euro Strafe pro Person, wenn 3G nicht kontrolliert würde).

Im Vorjahr schon hatte ich mir mit einer funktionierenden Public-Health-Behörde in Kooperation mit einem verantwortungsbewussten Tourismus- und Gesundheitsministerium gewünscht, dass man Tourismusbetriebe und Gasthäuser fördert bzw. extra bewirbt, die Schutzmaßnahmen (über) erfüllen und damit selbst werben. Heuer hätten das Betriebe sein können, die mit geimpften Mitarbeitern werben oder dass Mitarbeiter täglich getestet werden. Outdoor-Frühstück statt Indoor. Maskenpflicht fürs Personal und Gäste indoor, usw. Das hätte Covidioten abgehalten und verantwortungsbewusste Gäste angelockt – eine win-, win-Situation, und dafür dann eine staatliche Förderung oder extra Werbung an prominenter Stelle. Ja, Anreize schaffen, anders geht es nicht in einem Land voller Egoisten.

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Tag 491: Die Welt fliegt uns um die Ohren

Mittwoch, 14. Juli 2021, als in Luxemburg, Belgien, Saarland, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen die Welt unterging – an etlichen Flüssen gab es ein 100 jährliches Hochwasser, in der Folge liefen Talsperren über und Dämme brachen (Quelle Niederschlagsmenge: Kachelmannwetter)

Waldbrände in Sibirien, Waldbrände in den USA und Kanada. Hitzerekorde knapp an die 50°C in Kanada, am dritten Tag zerstört ein Wildfeuer den Ort. Arktis schmilzt, Antarktis schmilzt. Höchstwerte in der Polarregion bis zu 20 Grad über dem Mittel für Wochen. Verheerende Fluten in Benelux und Westdeutschland, über 140 Tote und mehr als 600 Verletzte. Größte Naturkatastrophe seit 100 Jahren. Unermessliche Schäden an der Infrastruktur mit zerstörten Gasleitungen, Bahnstrecken, Straßen und Brücken. Gleichzeitig Dürre am Alpenostrand und im Südosten, Dürre im Westen der USA. Dürre auch in Südeuropa. Hitzerekorde in Skandinavien. Wärmster Frühling in Japan, usw.

Die Wettermodelle hatten den Starkregen hervorragend erfasst. Die Abflussprognosen für die Bäche und Flüsse waren laut DWD-Meteorologen eindeutig auf Disaster programmiert. Speziell die Flutkatastrophe im Ahrtal war keineswegs ein Präzedenzfall. Im Jahr 1488 wurden Brücken zerstört, 1582 gab es Flutschäden in Bad Neuenahr, 1761 wurden die Gebiete nahe Ahrweiler nahezu vollständig zerstört. Am 21. Juli 1804 verwüsteten Sturzfluten Altenburg im Ahrtal. 63 Menschen starben. Am 12. Juni 1910 zerstörten Sturzfluten die gleichen Orte. 52 Menschen starben. In Erftstadt, wo der Fluss Erft in eine nahegelegene Kiesgrube floss und dadurch massive Bodenerosion auslöste, die mehrere Häuser zum Einsturz brachte und Todesopfer zur Folge hatte, könnte man ebenso noch von einem „hausgemachten“ Problem sprechen, aber wie die Klimaforscher schreiben – das Ausmaß der Überflutungen ist es, was schockiert. Spannend dazu dieses Paper von Kahraman et al. (2021), das genau das Thema ortsfeste Starkregenereignisse über Europa im Zeichen des Klimawandels behandelt.

Grund für die Hochwasserlage (anklicken zum Vergrößern)

Für die Unwetter heute abend in Österreich könnte ich eine fast identische Karte zeigen. Wieder eine Okklusion, ähnlich hohe Feuchte, labil geschichtet mit heftigen Gewittern und Nordostströmung mit Staueffekten. In Königssee/Berchtesgadener Land fielen in wenigen Stunden 122 l/qm, davon 50 l/qm in einer Stunde. Auch im Wiener Stadtgebiet verbreitet 50-80 l/qm und in weiten Teilen des südlichen Industrie- sowie Mostviertels 70-100 l/qm (Stand 22 Uhr).

Mehr dazu in einem gesonderten Beitrag.

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Day 487: It’s the ideology, stupid!

Richard Horton, Chief Editor of the scientific magazine „The Lancet“

„This word ‚experiment‘ that’s been used is a very interesting word because the word experiment starts off from assuming a position of uncertainty. You do something in order to make a discovery or test a hypothesis, but that’s not what we’re doing here. We know exactly what is going to happen, by taking the course that the government is committed to. We know there will be an increasein infections. That’s not an experimental hypothesis to test. We know that hospitalisations are going up. We know that there will be an epidemic of Long Covid. And we know that we’re creating the risks for new variants. That is not indoubt. So what we have is a government that is pursuing an ideologically drivencomittment to force the population to accept a level of mortality and disability in order to release us from the situation we’re in currently. This has got nothing to do with data, nothing to do with experiments. This is ideology from the libertarian Right. And I think, until we confront that fact and explain that clearly to the public, that this is not about data, this is about ideology, then we’re not understanding what this government is about.“ (The Citizens)

Horton refers to the infernal announcement of Boris Johnson to get rid of all measures in UK by 19th July 2021 and letting the Delta wave ripping through the population where large portions are still unvaccinated (including children) or only partly vaccinated which is insufficient against DELTA (Planas et al., 08.07.21). Full immunization is still needed for about 80% of the population including already infected people to built up enough immunity to reduce the spread.

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Tag 484: Vierte Welle: Der“saisonale Effekt“?

Talsohle: 10. Mai (POR), 20. Mai (UK), 21. Juni (E), 23. Juni (L), 27. Juni (GR), 28. Juni (F, DK), 29. Juni (NL), 30. Juni (DE, CH, IR), 02. Juli (SLO), 03. Juli (AT)

Wir erinnern uns an das vermeintliche Wasser auf den Mühlen der Covidleugner, als eine Studie den saisonalen Effekt mit durchschnittlich 40% bezifferte. Sie bezog sich allerdings nur auf den Zeitraum vor der zweiten Welle und ohne die ansteckenderen Varianten. Und 40% sind natürlich nicht die Mehrheit, das hieß selbst beim Wildtyp bzw. mit der D614G-Mutation, dass man 60% zusätzliche Maßnahmen brauchte, um die Pandemie einzudämmen. In den USA wurde das Plateau (weniger eine Talsohle) am 12. Juni 2020 erreicht, dann begann bereits die zweite Welle, die den Höhepunkt am 22. Juli 2020 erreicht hat. In Österreich war die Talsohle um den 15. Juni 2020 erreicht, der Tag, an dem Bundeskanzler Kurz die Überwindung der „gesundheitlichen Krise“ ausrief, um den 27. Juni 2020 wurde das Wachstum stärker, der nächste Sprung am 10. August, usw. Also inmitten des Sommers.

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Tag 473: Das vergebliche Bemühen der engagierten Aufklärer

Tweet von einem Intensivmediziner am 28. Juni 2021

Natürlich stellt man sich die Sinnfrage, wenn man seit über einem Jahr hier aufzuklären versucht, und die Mehrheit seriöser Wissenschaftler hinter sich hat, und dann so ein Bullshit von der Regierung kommt, anti-wissenschaftlich und völlig konträr zu den Handlungen in den anderen Ländern, die wegen DELTA die Daumenschrauben wieder anziehen. In den Entwicklungsländern mit Impfstoffmangel rauscht das Virus jetzt ohnehin durch und droht, neue Varianten zu erzeugen.

Ich hab am 08. Mai 2021 (Tag 418), kurz vor meinem Heimaturlaub in Deutschland, davor gewarnt, die sinkenden Inzidenzen nicht mit dem Ende der Pandemie gleichzusetzen. Am 28. Mai 2021 (Tag 442) hab ich mein Entsetzen über die weiteren Lockerungen ab 10. Juni und 1. Juli kundgetan. Seitdem hätte es immer noch die Möglichkeit gegeben, Lockerungen zu verschieben. Stattdessen schafft man sogar die FFP2-Maskenpflicht im Gesundheitswesen ab.

Aus dem Nachbarland tönen wissenschaftlich bodenständige Aussagen:

Es wäre ein schwerer Fehler, die Delta-Variante zu ignorieren. Die Mutation zieht nicht vorbei wie ein leichtes Gewitter. Es gilt: Nicht in Panik geraten, aber genau überlegen, wie wir reagieren. Dazu gehören die Schutzinstrumente Abstand und Maske und mehr Tempo beim Impfen.

Ministerpräsident von Bayern, Markus Söder, 28.06.21, Tweet

Und in einzelnen deutschen Bundesländern werden Verschärfungen gefordert, abseits von Wien undenkbar in Österreich. Wenn selbst der nicht für scharfe Maßnahmen bekannte Umweltmediziner Hutter schärfere Regeln bei den Lockerungen fordert, heißt das schon was.

Was der Gesundheitsökonom Thomas Czypionka zur Gefahr von DELTA sagt (Tweetkette 29.06.21)

  1. Bei einem R0 von 7-8 ist die Schwelle der Populationsimmunität bereits bei rund 86-88%.
  2. Zudem können oder wollen viele gar nicht geimpft werden, und einige sprechen auf die Impfung nicht an.
  3. Hinzu kommt, dass DELTA teilweise den Impfschutz durchbricht, also symptomatische, wenn auch mildere Erkrankung erzeugt. Mehr Geimpfte als bei Alpha sind Überträger.
  4. Die Impfung wirkt umso schlechter, je älter man ist (Immunseszenz).
  5. Es steht nicht annähernd genug Impfstoff für die Welt zur Verfügung. Covid19 wird somit dort noch viele Tote fordern und über Jahre eingeschleppt werden können und mutieren.

Fazit:

  1. Nur maximale Impfanstrenungen werden den Herbst/Winter erträglich machen.
  2. Ältere/Schwerkranke sind weiter einem erhöhten Risiko ausgesetzt (Impfversagen, erhöhtes Übertragungsrisiko trotz Impfzertifikat)
  3. Im Herbst/Winter werden Maßnahmen nötig sein, um gleichzeitige Influenza/Pneumonie/Covid19 Spitzen zu vermeiden
  4. Frühzeitiges Monitoring über Wasser und Stichproben, aggressives Contact Tracing warnen schon jetzt vor bzw. verringern die Ausgangslast vor dem Herbst
  5. Vor allem bedeutet Delta eine Verlängerung, da die Hürden für Bevölkerungsimmunität zu hoch geworden sind, mit gehäuftem endemischen Auftreten.
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Tag 467: Leerdenker an der Spitze der AGES

Eigentlich keine besonders neue Schlagzeile, denn ich hab in der Vergangenheit regelmäßig darüber gebloggt und getwittert. Es wollte nur kein Medium aufgreifen. Jetzt ist ein Interview mit Allerberger auf einer Leerdenkerplattform erschienen, geführt von einem Leerdenker. Schlagartig wird deutlich, dass meine monatelangen Recherchen mit Vermutungen über mögliche Verbindungen der AGES in die rechte Covidleugner-Szene ihre Berechtigung hatten. Die Enthüllungen würden für einen handfesten Skandal ausreichen. In einem Land, wo eine rechtsextreme Partei seit Jahrzehnten in allen Landesparlamenten, im Nationalrat, in der Regierung und in zahlreichen Aufsichtsrat- und Geschäftsführerpositionen sitzt, lockt das leider niemanden mehr hinterm Ofen vor.

Meine Vor-Recherchen zu dem Thema:

Ich hab seit meinem ersten Faktencheck im Herbst gehofft, dass das bezahlte Journalisten eines reichweitenstarken Mediums aufgreifen. Mir sind seitdem auf Twitter zahlreiche Journalisten gefolgt. Das mag für Bauchpinselei ausreichen, davon kaufen konnte ich mir aber nichts. Ich hatte auch gehofft, dass Organisationen wie FIPU, DÖW oder „Stoppt die Rechten“ sich für die teils offen fremdenfeindlichen Aussagen, aber auch die ideologischen Hintergründe interessieren. Bis heute ist nichts passiert. Auf Twitter tummeln sich nur rund 4% von Österreichs Bevölkerung. Retweets haben Null Bedeutung für Realpolitik und Medienreichweite.

Ich hab im Laufe der letzten Monate so viel recherchiert, dass es immer mühsamer wird, das noch auf verträglicher Länge zu verbloggen. Daher versuch ich das jetzt ein wenig zu kondensieren, dass man die wichtigsten Fakten und Aussagen gebündelt hat.

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Tag 463: Ob eine EM während einer Pandemie so klug war?

Quelle: welt.de

Der Profifußball hat mich schon vor der Pandemie aufgeregt. Immer weniger Live-Übertragungen im Free TV. Mit dem Wegfall des freien Mittwoch-Spiels in der Champions-Leaque interessierte mich auch meine Lieblingsmannschaft nicht mehr – ich konnte buchstäblich kein einziges Spiel mehr live sehen. In der Pandemie galten für Profifußball andere Maßstäbe als für Amateursport generell. Ich bekam am Rande mit, dass manche Wettbewerbsspiele im Ausland ausgetragen wurden, weil dort die Coronaregeln lockerer waren (z.B. in Ungarn). Währenddessen hat man selbst Kindern den Outdoor-Sport verwehrt, weil man nicht in der Lage war, Outdoor- und Indoor-Risiken zu unterscheiden. Es hätte Wege gegeben, mit gepoolten PCR-Tests zum Beispiel. Aber Kinder und Jugendliche bringen halt kein Geld ein – jedenfalls nicht sofort.

Irgendwie ist die Qualifikation unbemerkt an mir vorübergegangen und ich hab spät mitbekommen, dass erstens jetzt eine Europameisterschaft stattfindet, und das nicht vor leeren Stadien wie die Ligaspiele, sondern vor Zuschauern. In Budapest mit maximaler Auslastung (68000), wie beim Spiel von Ungarn gegen Portugal am 15. Juni 2021. Volles Stadion und keine Maskenpflicht.

Eine kürzlich erschienene Studie des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung zur Infektionsgefahr in Fußballstudien belegt, dass es bei Tragepflicht auch am zugewiesenen Platz keine erhöhten Infektionszahlen gibt, wenn sie aber nur am Weg zum Sitzplatz getragen werden, schon.

Ob das gut geht mit einer deutlich ansteckenderen Virusvariante?

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Tag 459: SARS-CoV2 ist nicht neu und die gemeinsame Denkschule von Tegnell und Schmid

SARS-CoV-2 (links), Vakzine (rechts)

Im Buch von H. Fraenkel-Conrat et al, Comprehensive Virology, von 1979, erschien von Robb und Bond Kapitel Nummer 3, Coronaviridae. Es lohnt sich durchaus, das Kapitel einmal durchzulesen.

Ein paar Schlüsselerkenntnisse:

  • Übertragungsweg über Aerosole und/oder Tröpfchen (auch über Augen)
  • Stabilität in säurehaltigen Umgebungen (pH 2-3) garantiert ihre Passage durch den Magen in den Dünndarm
  • Die nachfolgende Virämie (hohe Viruskonzentration im Blut) produziert Erkrankungen in anderen Organen (Leber, Gehirn, Nieren, Lungen)
  • Bei einer Infektion über die Nasenschleimhaut kann das Coronavirus direkt das Gehirn ohne Virämie erreichen.
  • Die Zerstörung der Gefäßinnenwandzellen kann lokale oder generalisierte Gefäßentzündungen hervorrufen.
  • Chronifizierte Formen (heute bekannt als „Long COVID“) sind vor allem die Folge einer Zelle-zu-Zelle-Verbreitung des Virus und wirken sich mit der langsamen Zerstörung des zentralen Nervensystems aus (Demyelinisierung). Coronavirusartige Partikel wurden auch im Gehirn von Multiple-Sklerose-Patienten beobachtet. Schwelende zellzerstörende Attacken werden eher verantwortlich gemacht als eine Immunattacke gegen die vom Virus modifizierten Zellen. Neutralisierende Antikörper können die Virusproduktion in den Zellen verringern, aber die beständige Infektion nicht eliminieren (siehe unvollständige Genesungen bei LongCOVID nach Impfung?)

Das kommt ziemlich bekannt vor, nicht wahr?

Für Laien wie mich müssen die von Medien und Wissenschaftlern ventilierten Neuigkeiten über die Eigenschaften von SARS-CoV2 seit Beginn der Pandemie beinahe bahnbrechend erscheinen:

Verlust von Geruchs- und Geschmacksinn beobachtet! Virus kann über Riechnerv ins Gehirn eindringen!“

Covid19 kann auf das Herz gehen!“

„Multi-Organversagen beobachtet. Covid19 schädigt nicht nur Herz und Lunge!“

„Analyse von Magendarm-Biopsien zeigt bei 50% der asymptomatischen Individuen drei Monate nach der Infektion beständiges Virus im Dünndarm!“ (Gaebler et al., 05.11.20)

„Covid19 ist eine systemische Gefäßentzündung!“

„Covid kann Thrombose-Risiko erhöhen!“

„Aerosole sind der Hauptübertragungsweg!“

„Wenn die Krankheit nicht vorbeigeht: LongCOVID kann eine Folge von COVID19 sein.“

Covid19 ist eine ernsthafte Erkrankung, keine reine Lungenerkrankung, auch wenn sich das noch nicht überall als Allgemeinwissen durchgesetzt hat. Manche Wissenschaftler vergleichen die LongCOVID-Symptome von Covid19 mit denen von Ebola-Überlebenden. Die Infektionssterblichkeit ist für alle Altersgruppen höher als bei Influenza. Das möchte keiner kriegen. Das soll niemand experimentell durchleben müssen ohne nachgewiesene Grundimmunität, die schwere Verläufe und LongCOVID verhindert.

Es stellt sich also heraus, dass 42 Jahre altes Wissen heute wie die Faust aufs neue (alte) Virus passt und wir vieles bereits wussten, aber offenbar vieles in Vergessenheit geriet. Das ist insofern bedeutend, dass aufgrund der Eigenschaften des Virus, die dank der chinesischen Vorarbeit ebenso früh bekannt waren, eine Herdenimmunität durch natürliche Infektion nie hätte zur Debatte stehen dürfen!

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Tag 456: B.1.617.2 am Vormarsch, Krankheitsrisiko und Wiederanstieg unter Jüngeren

Viel Resonanz hat mein letzter Blogtext nicht erfahren. In Österreich ist man anscheinend noch nicht soweit. Aber dazu ein anderes Mal mehr. Heute kam der neueste „Public Health England“-Report heraus. Die Zusammenfassung der Epidemiologin Deepti Gurdasani lautet:

  • über 90% der Fälle in England sind nun Delta (B.1.167.2, Indische Variante) zuzuordnen
  • Delta ist rund 60% übertragbarer als Alpha (B.1.1.7, Britische Variante), die bereits 30-60% übertragbarer als der Wuhan-Stamm war
  • Die meisten Fälle treten bei Kindern im Schulalter auf (im Mai wurde die Empfehlung für Masken in den Schulen aufgehoben
  • 2fach erhöhtes Risiko für schwere Verläufe (Hospitalisierung), LongCOVID!
  • 30% aller Tote waren unter Vollgeimpften und 17% bei Teilgeimpften
  • entkommt recht leicht der Immunabwehr nach durchgemachter Infektion („Genesen“)
  • Es gibt Fälle mit der Delta-Sublineage mit K417N-Mutation

Neben der deutlich erhöhten Übertragbarkeit verursacht Delta auch schwerere Verläufe (2,7fach höhere Hospitalisierungsrate). Die Fluchtmutation ist vergleichbar mit Beta (B.1.351, Südafrika-Variante).

Der R-Wert von Delta geht Richtung 8, das ist nicht mehr weit von Masern (9-12) entfernt.

Delta wurde jetzt auch in Niederösterreich festgestellt. Das Contact Tracing konnte zwar Folgefälle vermeiden, aber weiß nicht, wo sich die betroffene Person angesteckt hat (Quellcluster-Tracing).

So viel kann man jetzt schon sagen: Es ist immens wichtig, dass alle ihre zweite Impfung bekommen, ausgenommen natürlich jene mit Johnson & Johnson. Ebenso sollten sich die Überlebenden einer durchgemachten Infektion wenigstens einmal impfen lassen.

Bisher scheinen alle Impfstoffe, einschließlich Johnson & Johnson gegen die Varianten zu wirken. Alter et al. (09.06.21) wiesen nach, dass die zelluläre Immunität auch bei Alpha, Beta und Gamma (P.1., Brasilianische Variante) bestehen bleibt, während es bei Beta zu einer massiven Reduktion neutralisierender Antikörper (humorale Immunantwort) kommt.

Schwere Erkrankungen und Todesfälle trotz zweifacher Impfung treten dann auf, wenn die zelluläre Immunantwort offenbar zu schwach ausfällt, was vor allem bei älteren und immunschwachen Menschen der Fall sein kann. Mit wachsender Impfrate wird übrigens schon rein statistisch der Anteil erkrankter Geimpfter wachsen. Das heißt nicht, dass man mit Impfung anfälliger für das Virus wäre. Ich gebe aber zu bedenken, dass sich Vollgeimpfte im Schnitt vermutlich sorgloser verhalten als Un- und Teilgeimpfte, und so eher Situationen aussetzen, wo sie hohen Viruslasten ausgesetzt sind. Kommt es dann trotz Impfung zu einer Erkrankung („breakthrough infection“), kann diese genauso schwer verlaufen wie bei Ungeimpften.

In Summe heißt das: Impfen, impfen, impfen und weiterhin vorsichtig sein. Doch was heißt das für die Kinder?

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