Tag 295: Wettlauf der Dummheit mit dem Virus

Ausblick aus dem Zimmer im Kurhotel mit starkem Schneefall, 19. Jänner 2020

Vor einem Jahr nahm das Unheil seinen Lauf.

On the evening of [30 Dec 2019], an „urgent notice on the treatment of pneumonia of unknown cause“ was issued, which was widely distributed on the Internet by the red-headed document of the Medical Administration and Medical Administration of Wuhan Municipal Health Committee.

ProMED, International Society for Infectious Diseases, 30.12.19, 23:59:00

Ein Jahr später hält das Virus die Welt in Atem, oder besser gesagt außer Atem, über 1.8 Millionen Menschen sind bisher an SARS-CoV2 gestorben. Geschätzte mehrere Millionen erholen sich von einem schweren Verlauf oder Long Covid. In Österreich haben wir darüber keine Statistik, sondern nur „genesen“ oder „tot“.

Die heimische Politik hat immer noch nichts gelernt aus dem Versagen der letzten Monate. Im Gegenteil. Kritik perlt an der Teflonregierung, die alles richtig gemacht hat, ab, gerne mit dem Verweis aufs Ausland, dass alle die gleichen Probleme haben würden, was nicht stimmt, aber der Durchschnittsösterreicher, der keine ausländischen Nachrichten sieht oder versteht, glaubt diese Ausrede.

Die Strategieänderung der Regierung, zuerst auf (gescheiterte) Massentestungen zu setzen und dann auf freiliges „Freitesten“ aus dem Lockdown erinnert mich an den Cluster im Weißen Haus. Die begleitende Kommunikation ist wie immer eine Katastrophe und zeigt grundlegende Mängel im wissenschaftlichen Verständnis auf. Dazu später mehr.

Während der Pandemie ist vor der (nächsten) Pandemie. Wir sind völlig unvorbereitet auf die neuen Virusvarianten aus Südafrika und Großbritannien, die rasch die derzeitig dominante Variante verdrängen und deutlich ansteckender sind. Vor einigen Wochen habe ich mich gefragt, wie gut wir auf die nächste Pandemie mit einem neuartigen Virus vorbereitet sein könnten, doch jetzt waren die Mutationen schneller. Schlecht sind wir vorbereitet, weil uns grundlegende Maßnahmen zur Eindämmung fehlen, wenn wir Aerosole als Übertragungsweg ignorieren, und weil wir immer noch glauben, weiche Lockdowns würden ausreichen, den wirtschaftlichen Schaden gering zu halten.

Virusmutation als tickende Zeitbombe

Das Coronavirus ist schon einmal folgenreich mutiert, und zwar hat die G614-Variante wahrscheinlich zur schnellen Ausbreitung auf der ganzen Welt beigetragen. Etwa ein halbes Jahr später, im September 2020, ist das Virus erneut mutiert, mit einer Südafrika-Variante 501Y.V1 und einer britischen B.1.1.7-Variante. In beiden Fällen ist die Übertragbarkeit erheblich gestiegen, ohne schwerere Verläufe zu erzeugen. Das gilt aber nur für die Eigenschaft des Virus und nicht für das Resultat. Man beobachtet jetzt schon, dass der Anteil der infizierten Personen unter 20 Jahren deutlich ansteigt und mehr Kinder und Jugendliche im Spital landen als vorher. Unklar ist noch, ob das eine Folge steigender Absolutfälle ist, oder tatsächlich die Schwere der Verläufe ebenfalls zunimmt.

Wissenschaftsjournalistin Zeynep Tufekci hat in ihrem „The Atlantic“-Artikel „The mutated virus is a ticking time bomb“ zusammengefasst, warum uns das beunruhigen sollte: Exponentielles Wachstum der Verbreitung ist viel gefährlicher als eine linear zunehmende Sterblichkeit.

Ein tödlicheres Virus hätte die Angstreaktion erzeugt, von der die Regierung in der ersten Welle profitiert hat, um den Lockdown effektiv durchzusetzen. Eine Zunahme der Infektiösität heißt aber, dass die Altersstruktur der Sterblichkeit und der Gefahr schwerere Verläufe gleich bleibt, und damit auch der subjektive Eindruck, dass jüngere und gesunde Menschen weniger gefährdet sind. Eine Zunahme der Übertragbarkeit alleine verursacht also noch keine Verhaltensänderung bei den Uneinsichtigen, das gilt ebenso für Regierungen, die sich weniger an wissenschaftlichen Fakten, denn an politischer Agenda und Durchseuchungsphantasien faschistischen Gedankenguts orientieren.

Ein ansteckendes Virus führt jedoch rascher zur völligen Überlastung des Gesundheitssystems. Mehr Übertragungen heißt höhere Fallzahlen und absolut gesehen mehr schwere Verläufe, sowohl kurzfristig mit Überlastung der Spitäler und Bedrohung der (kritischen) Infrastruktur, als auch mittel- und langfristig mit Erkrankten und Rekonvaleszenten mit Reha und anhaltender Arbeitsunfähigkeit.

Stand 31.12.2020 mit Ende der zweiten Welle, Quelle: EMS/Erich Neuwirth

Mit Ende der zweiten Welle hat sich die Zahl der belegten Spitalsbetten zwar vielfach halbiert, liegen aber immer noch weit über den Höchstzahlen der ersten Welle. Selbst ohne Covid sind die Spitalsbetten im Winter normalerweise zu 80% oder mehr belegt. Es ist leicht vorstellbar, dass sich das mit der zweiten Welle nie und nimmer ausgehen konnte. Auch wenn die offizielle Darstellung das nie wiedergegeben hat, konnte die Spitze der zweiten Welle in vielen Bundesländern, vor allem in Oberösterreich und Kärnten nur mit Triage ablaufen. Außer einer kleinen Social-Media-Blase, die über whistle-blowende Spitalsmitarbeiter Einblick in die tatsächliche Situation hat, weiß das kaum jemand. Sie orientieren sich an den offiziell verlautbarten Bettenkapazitäten, die jedoch irreführend sind:

Entscheidend ist nicht die Zahl der verfügbaren Betten, sondern das verfügbare Personal, um die Betten zu betreuen.

„Betten ohne Personal sind nur Möbel“

(anonym)

Im Klartext:

Die wie von Zauberhand geschaffenen Zusatzbetten für COVID-Patienten gehen auf Kosten von Nicht-COVID-Patienten, denn Normalstationen müssen teilweise oder ganz geschlossen, Personal abgezogen oder Abteilungen umgewidmet werden. Fällt dann noch Pflege- und Ärztepersonal selbst wegen Infektion und Erkrankung aus, wird es schnell kritisch. Es ist auch einleuchtend, dass unser solchen Umständen nicht mehr die bestmögliche Versorgung stattfinden kann – insbesondere dann, wenn die Hilfe nicht schnell genug ankommt, weil Rettungswägen mit Patienten mehr als drei Stunden warten müssen, bis sie versorgt werden können, wie im Queen Elisabeth Hospital Birmingham. Bei uns irrten Krankenwägen in der Gegend herum, um ein Spital zu finden, das genug Kapazitäten hat. Die von Normalstationen abgezogenen Ärzte und Pfleger sind nicht mit COVID erfahren und selbst die Erfahrenen müssen mehr Patienten betreuen als eigentlich erlaubt und vernünftig ist („Tetris auf der Intensivstation„). Leider wächst Personal nicht auf Bäumen und eine Ausbildung über drei Jahre und noch mehr Jahre Erfahrung lassen sich nicht dramatisch verkürzen, nur weil gerade Pandemie und Personalmangel herrschen.

Impfung im Wettlauf mit dem Selektionsdruck

Erfindung von Impfstoffen zwischen 1880 und 2020

Ich kann das hier nur anreißen, weil das meine Kenntnisse von der Materie übersteigt. Als Laie stelle ich mir das so vor: Je höher die Fallzahlen, desto mehr Gelegenheit für Virusmutationen in einem geeigneten Wirt. Jetzt ist die Übertragbarkeit einer zunehmend dominanten Virusvariante deutlich gestiegen und damit gibt es noch höhere Infektionszahlen als vorher und es können immer mehr Virusvarianten entstehen, die im blödesten Fall dann auch zu einer schwereren Erkrankung führen. Drosten hat in einem frühen Podcast-Folge zwei mögliche Auswirkungen einer Virusmutation erwähnt:

[…] dass das hier wohl ein Virus ist, das in einer größeren Zahl von Infektionsereignissen mit einer etwas größeren Populationsgröße übertragen wird, sodass Populationen einer gemischten Zusam-mensetzung über mehrere Patienten hintereinander stabil bleiben können. Und das führt dazu, dass das Virus schon eine bessere Aussicht auf Optimierung auf den Menschen hat – auf lange Sicht. Also das hat die Chance, dass es sich besser anpasst an den Menschen als wenn es nicht diese größeren Übertragungsdosen hätte. Und dieses Anpassen, das kann eben durch zueinander Zufügen von unterschiedlichen Mutationen in unterschiedlichen Populationsabteilungen passieren. Und die phänotypischen Veränderungen, die dabei entstehen können, wären zum Beispiel, dass das Virus noch besser in der Nase repliziert und besser übertragen wird. Aber in der Nase werden wir nicht allzu krank davon. Das heißt, das Ganze wird auf lange Sicht zu einem Schnupfen, der sich für die Lunge gar nicht mehr interessiert.

Virologe Drosten

Genauso könnte passieren, dass es allgemein stärker repliziert, auch in der Lunge, dann würden wir uns schneller krank fühlen und eher zu Hause bleiben, sodass die Übertragungsrate sinkt. Das Virus könnte dann rascher eingedämmt werden.

Tag 95 (14. Juni 2020)

Es ist mir noch unklar, was auf die derzeit kursierende B117-Variante in Europa zutrifft. Der worst case wäre, wenn die Symptomatik gleich bliebe, also weiterhin lange Zeit vergeht, bis die Symptome so eindeutig werden, dass die infizierten Personen reagieren, aber die Ansteckungsgefahr deutlich zunimmt.

Skizze von Eric Topol

Wir wissen noch nicht, worin genau die bessere Übertragbarkeit liegt. Fragen, die ich mir als Laie stelle:

  • Scheiden die infizierten Personen mehr Virus aus?
  • Sind sie länger infektiös?
  • Sind sie in der präsymptomatischen Phase früher infektiös?
  • Sind asymptomatische Verläufe länger und stärker infektiös?
  • Oder sind empfängliche Personen nur rascher infiziert, weil das Virus leichter über die Eintrittspforten in die Atemwege kommt?

Jetzt sind die Fallzahlen europaweit schon ohne Feststellung, wie verbreitet das mutierte Virus ist, viel zu hoch, das Contact Tracing funktioniert mehr oder weniger schlecht. Es herrscht kein Konsens der europäischen Staaten über einheitliche Regeln zur Eindämmung, z.b. bei Grenzkontrollen, Quarantäneregeln und Reisebeschränkungen. Die Länder sequenzieren auch unterschiedlich häufig, UK am meisten, Österreich und Polen am wenigsten. Wir werden also möglicherweise erst spät feststellen, wie verbreitet die Mutation bereits ist.

Gleichzeitig läuft die Impfung nur schleppend an. Viele Virologen warnen davor, nur eine statt zwei Impfdosen zu verabreichen, weil ein Virus mit einer teilimmunisierten Bevölkerung leichter mutieren könnte, um der Immunisierung zu entgehen.

I think if low antibody titers are induced (with one vaccination) it might be easier for virus to escape and new variants could arise. I think people should get their two vaccinations according to schedule.

Mikrobiologe Florian Krammer, 01.01.21 (Tweet)

Precisely! When our goal is to select resistant viruses in laboratory experiments, we maximize viral population size and diversity, and then titrate in selection pressure. If I was designing a scenario to select vaccine-resistant SARS-CoV-2, I’d do what they are doing in the UK.

Virologe Paul Bieniasz, 31.12.20 (Tweet)

Die Virologin und Immunologin Prof. Akiko Iwasaki erläutert das derzeitige Dilemma so:

Eine Auffrischimpfung wird üblicherweise gegeben, um die Menge, Qualität und Langlebigkeit der Antikörperreaktion zu erhöhen. Das gilt für die meisten Impfstoffe einschließlich mRNA-Impfstoffe. Zwei Impfdosen bei begrenzten Impfstoffvorrat bedeutet aber, dass nur die Hälfte der Bevölkerung geimpft werden kann. Wenn das Virus sich langsam ausbreitet, wollen wir das Richtige tun und den Risikogruppen zwei Dosen geben, während der Rest warten muss. Leider geht die Impfstoffverteilung viel langsamer als erwartet voran. Selbst die Risikogruppen müssen Monate warten, bis sie zwei Dosen bekommen. Inzwischen mutiert das Virus und verbreitet sich schneller. Ein mutiertes Virus mit 50% Zunahme bei der Übertragung tötet viel mehr Menschen als mit einer 50% Zunahme der Sterblichkeit. Wir wissen nicht, wie effektiv eine einzelne Impfdosis ist, aber für zumindest einen Monat oder länger sollte eine Einzeldosis mRNA-Impfstoff rund 90% Schutz (über 14 Tage nach der Impfung) bereitstellen. Ob das ausreicht, um schwere Verläufe zu verhindern, ist unklar. Sie ist weiterhin Verfechterung von zwei Dosen, aber aufgrund der Dringlichkeit kann die zweite Dosis verschoben werden, bis mehr Impfstoffe verfügbar sind. Für sie gab die hohe Übertragbarkeit der B.1.1.7 Variante den Ausschlag. Das Gute bei mRNA-Impfstoffen ist, dass sie als Basisimmunisierung mit anderen Impfstoffvarianten aufgefrischt werden können. Für COVID19-Impfstoffe könnte es ausreichend sein, nach ein paar Monaten aufzufrischen.

Übersetzung aus ihrem Thread vom 01.01.21, 20.17

In UK und in den USA hat man bereits angekündigt, die Auffrischimpfung zu verschieben, und stattdessen mehr Menschen zu impfen, in der Hoffnung, dass bis zum Zeitpunkt der notwendigen Auffrischimpfung (Boost) der Impfstoffengpass behoben ist.

Soweit sind wir in Österreich noch lange nicht. Der klinische Epidemiologe Robert Zangerle erklärt in seiner vierteiligen Serie, worauf es bei der Impfung ankommt und weshalb es ein schwerer Fehler ist, die Impfstoffverabreichung an Hausärzte auszulagern. Es gibt nationale Empfehlungen (!) einer Impfstoffkommission, die aber nicht verbindlich sind, und einen Impfplan, der nicht zu funktionieren scheint, wenn sich Organisationen, Betriebe und VIP vordrängeln. Die Nachrichtenlage ändert sich stündlich, ich bin überfordert. Das Bild mit der geballten Faust von Prof. Wenisch ging um die Welt. Er hat auch gleich angekündigt ein Videotagebuch zu führen. Ein Narkosepfleger kommentiert das so:

Ich finde es ja auch seltsam: Bei der Studie wurden 21.000 Probanden geimpft und es traten keine ernsten NW auf. Aber die Leute brauchen ein Videotagebuch einer Einzelperson, dann fühlen sie sich wohler. Dieses fehlende Verständnis und Vertrauen in Wissenschaft…

Was wäre, wenn er tatsächlich schwere Nebenwirkungen entwickelt hätte. Würde sich dann keiner mehr impfen lassen? Oh Österreich ….

Die Krux mit dem Freitesten

Die Regierung tritt von einem kommunikativen Fettnäpfchen ins nächste. Was ist der große Vorteil von Schnelltests? Richtig, sie sind schnell! Das Ergebnis liegt in 15 Minuten vor, bei RT-LAMP-PCR-Tests übrigens in 30 Minuten. Schnelltests können aber leichter in die Massenproduktion gehen und brauchen nicht zwingend geschultes medizinisches Personal dafür.

Als Kanzler Kurz am 15. November plötzlich Massentests vor Weihnachten vorschlug, um vom Versagen mit der zu späten Reaktion auf die zweite Welle und den schweren Fehlern beim Terroranschlag in Wien zwei Wochen vorher abzulenken, lief das Narrativ darauf hinaus, alle zu testen, um ein sicheres Weihnachtsfest zu feiern. Später preschten etliche Länder vor, damit man Weihnachten nicht in der Quarantäne verbringen müsse (O-Ton Wien-Bürgermeister Ludwig). Ludwig, der medienwirksam mit Kurz zum Massentesten ging und dabei seine FFP2-Maske falsch herum aufsetzte (wie neulich auch Gesundheitsminister Anschober), übersah dabei, dass ein Schnelltest Anfang Dezember NULL AUSSAGEKRAFT für die Feiertage hat. NULL. NADA.

Für das geplante Freitesten am 18. Jänner gibt es mehrere Pferdefüße:

  1. Schnelltests sind Momentaufnahmen.
https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Vorl_Testung_nCoV.html

Schnelltests sind bei zu niedriger Viruslast falsch-negativ, am zuverlässigsten um Symptombeginn und die ersten fünf Tage danach. Antigentests sind aussagekräftiger für die Infektiösität, weniger für die Infektion. Eine infizierte Person kann heute AG- und morgen AG+ sein. Ein am gleichen Tag durchgeführter Antigentest kann negativ und der PCR-Test positiv sein. Anekdotisch gab es mehrere Berichte von Personen, die sich am 23.12. negativ testen ließen, an Heiligabend zur Familie fuhren und am 25.12. Symptome entwickelten. Davor haben sie die ganze Familie angesteckt.

Das heißt: Ein Antigentest ist maximal 24 Stunden lang aussagekräftig, zum Teil aber auch kürzer.

Schnelltests sollte man daher anlassbezogen einsetzen, um ihren Trumpf, die rasche Verfügbarkeit des Ergebnis, auszuspielen. Tägliche Tests des Gesundheitspersonals, verpflichtende Schnelltests am Eingang für Besucher, ebenso Schnelltests am Eingang von Theatern, Konzertsälen, etc. Danach aber keine Lockerungen bei den Schutzmaßnahmen (Abstände, Lüften, FFP2-Masken). Ein Test ist eine zusätzliche Käsescheibe zu den vielen Scheiben zwischen Virus und Wirt, er ersetzt die anderen Scheiben nicht.

2. Risikominimierung

Wie von Kanzler kurz angekündigt, ist ein Test, der eine Woche alt ist, für das Betreten der Gastronomie völlig sinnlos, und selbst 48 Stunden vor Theatervorstellungen sind zu lang. Bei letzterem ist aber der Schutz unter Beibehaltung der Maskenpflicht wesentlich höher, weil das Publikum nicht spricht. In der Gastronomie gibt es indoor hingegen keine Sicherheit. Es ist mir nach wie vor unverständlich, weswegen die Regierung unfähig ist, zwischen indoor und outdoor zu unterscheiden. Outdoor ist das Risiko viel, viel geringer als indoor. Viele, die gerne aus Public Health-Sicht für die Gesamtheit argumentieren wollen und nicht bzgl. individuelles Risiko, könnten hier sehr wohl einen Punkt machen: Die Wahrscheinlichkeit ist draußen viel geringer als drinnen, also sollte man Outdooraktivitäten fördern und nicht mit Indooraktivitäten gleichsetzen. Schani- und Gastgärten kann man also natürlich öffnen, aber wer aufs Klo gehen oder drinnen bezahlen muss, soll dabei eine Maske aufsetzen.

Eines ist aber klar. Wer sich in ein Restaurant oder Café setzt, hat während der Konsumation keine Maske auf und teilt damit die Atemluft mit anderen Gästen. Es reicht ein Superspreader und der halbe Raum ist infiziert, bei besonders schlechter Durchlüftung noch eher und wenn ich an das mutierte Virus denke, dann ist es nicht nur jeder sechste, sondern schon jeder zweite, der zum Superspreader werden kann. Darum muss die Gastronomie indoor geschlossen bleiben, bis eine breite Bevölkerung geimpft ist und auch regional transparente Daten vorliegen, wie hoch der Anteil der Neuinfektionen UND der Geimpften ist, analog zu den Infizierten.

3. Freitesten als epidemiologische Kontrolle

Die Regierung möchte mit dem Bonus-System Anreize schaffen, dass sich mehr Leute testen lassen, um so unwissentlich Infizierte rauszufischen. Das mag für die Infektionskontrolle der Gesamtheit relevant sein, ändert aber wenig am individuellen Risiko. Die Komunikation der Regierung ist hier aber irreführend und gefährlich, weil sie suggeriert, dass man mit einem negativen Test auf der sicheren Seite ist. Das gilt aber wegen der falschnegativen und teilweise technisch unsauber durchgeführten Tests weder für die betreffende Person noch für die Umgebung. Vor ein paar Tagen hörte ich die Aussage: „Ich wurde negativ getestet und nehme das als Bestätigung dafür, dass ich mich bisher richtig verhalten habe.“ Leider falsch, es heißt nur, dass Du aktuell wahrscheinlich nicht infektiös bist, Du könntest aber auch in der Inkubationszeit sein und morgen bereits Symptome entwickeln. Mit anderen Worten: Ein negativer Freitest wiegt die getestete Person in falscher Sicherheit. Die Ergebnisse sehen wir nach Weihnachten und Silvester.

Zum Glück zweifeln das auch Verfassungsjuristen an, dass ein eine Woche alter Test keine Aussagekraft mehr hat, um gegenüber jemandem, der keinen Test macht, bevorteilt zu werden.

4. Selbstisolation vor dem Freitesten ist alternativlos

Wer eine möglichst hohe Sicherheit haben will, dass das Ergebnis seines Schnelltests korrekt ist, muss sich vor dem Test mindestens fünf Tage, besser zehn Tage isolieren. Für die Mehrheit ist das nicht praktizierbar. Paradoxerweise würde aber gerade die erzwungene Isolation vor dem Test die Fallzahlen stärker drücken als eine einzelne unterbrochene Infektionskette durch einen positiven Test danach. Flächendeckende Isolation hieße nämlich … erraten … Lockdown. Noch ein Aspekt dazu: Infektionsketten durchbrechen bezieht sich hier nur auf vorwärts gerichtetes Contact Tracing und nicht auf den Quellcluster, der weitere Infektionen erzeugen kann.

Härtere Maßnahmen unausweichlich

Die bisherigen Regeln – weniger Zeit drinnen verbringen, Lüften, dicht sitzende Masken aus gutem Material, Desinfektion von Oberflächen – gelten weiterhin, doch könnten in der bisherigen Intensität nicht mehr ausreichen, wie das aktuelle Beispiel Irland zeigt. Offene Skigebiete und „beruflich“ genutzte Hotellerie für Skiurlaub werden zu viel sein, um das Virus in Schach zu halten. Das gelingt uns nicht einmal mit der aktuellen Virusvariante.

Ich schreib das reichlich ungern, weil es mich selbst wieder einschränkt wie im März 2020, aber ein harter Lockdown mit Einschränkung der Mobilität ist alternativlos. Ebenso brauchen wir echte Ausgangssperren, nicht nur Ausgangsbeschränkungen, sonst haben wir zwar den Fall, dass in der Stadt Wien viele Menschen keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen dürfen, aber am Land weiterhin alle munter mit dem Auto kreuz und quer durch die Gegend fahren und ihre Nachbarn treffen. Nur Ausgangssperren, die verhindern, dass Autofahrer hier gegenüber den Öffinutzern wieder im Vorteil sind, sorgen dafür, dass wirklich alle zuhause bleiben und die sinkende Zahl physischer Kontakte effektiv die Zahl der Neuinfektionen runterbringt.

Eine echte Ausgangssperre darf aber nicht verbunden sein mit Präsenz in den Schulen, schon gar nicht mit der neuen Mutation, sondern verteilt man das Virus über die Kinder trotz Lockdown in die Haushalte. Die Haushalte tragen das Virus dann über die Arbeitsplätze ohne Homeoffice an die Kollegen weiter, und die infizieren ihre Ehepartner und Kinder. Das verlängert den Lockdown bis zum St. Nimmerleinstag und steigert nur die Frustration, wenn die Freizeit eingeschränkt ist, aber in Schulen und am Arbeitsplatz keine klaren Regeln herrschen und keine verbindlichen Schutz- und Präventivmaßnahmen, die im Einklang mit der Wissenschaft stehen (Aerosole!!!), z.b. verpflichtende Anschaffung von CO2-Messgeräten, um die Menge an Frischluftzufuhr zu bestimmen.

Es ist heute der zweite Jänner 2021 und ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis sich die Regierung zu einer Lockdown-Verschärfung durchringt. In UK kommen die Maßnahmen zu spät. Die Spitäler sind bereits überlastet und tausende Menschen werden zusätzlich sterben, weil sie nicht mehr die beste Behandlung bekommen – mit und ohne COVID.

Um ehrlich zu sein, hatte ich mir einen besseren Start ins neue Jahr gewünscht. Wir waren so nah dran an der rettenden Impfung und hätten mit unserem halbharten Lockdown wohl noch irgendwie durchgehalten, bis die breite Bevölkerung geimpft werden kann bzw. die Witterung wieder mehr Weicheier die Bevölkerung nach draußen lockt. Die Mutation macht eine schnelle Verbesserung leider zunichte. Und das vergangene wie auch das gegenwärtige Pandemie-Management beruhigt mich nicht, dass wir es künftig besser machen.

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