Tag 239: Faktencheck Pressekonferenz mit Apfalter, 02.11. – Teil 2

Der Faktencheck besteht aus zwei Teilen – erst zum einleitenden Statement über Kinder und Jugendliche und die Rolle der Schulen, dann zu den beantworteten Fragen des Journalisten.

Vorab: Ich bin medizinischer Laie, Naturwissenschaftler, aber kein Fachexperte. Für alle meine Aussagen gilt das, was für wissenschaftliche Methoden und journalistische Recherche auch gilt: check, check, recheck, doublecheck.

Zum 1. Teil noch ein Nachtrag.

Die ÖGKJ (Österreiche Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde) gab ja im Namen des Sozialministeriums die Empfehlungen für die Gesundheitsbehörden (AGES) ab, Kinder unter 10 Jahren nicht zu testen und bei Symptomen ohne Fieber ebenfalls nicht zu testen. Kinder im Klassenverband, die einem infizierten Kind ausgesetzt waren, sollen nur als Kontakt-2-Person behandelt werden. Die ÖGKJ beruft sich dabei auf das ECDC und CDC, deren Webseiten jeweils Mitte August abgerufen wurden. Die Empfehlung selbst stammt vom 28. Oktober, ist also brandaktuell.

In der ersten Quelle steht nichts davon, Kinder unter 10 Jahren nicht zu testen oder als Kontakt-2-Personen zu behandeln. Es wird sogar noch einmal extra betont, dass der 15min-Schwellenwert willkürlich gesetzt ist.


Longer duration of contact is assumed to increase the risk of transmission; the 15-minute limit is arbitrarily selected for practical purposes. Public health authorities may consider some persons who have had a shorter duration of contact with the case as having had high-risk exposure, based on individual risk assessments.

Die zweite Quelle bewegt sich auf einem veralteten Kenntnisstand lange vor der Schulöffnung im September, doch selbst hier wird vor den Schlussfolgerungen festgestellt:

Children are more likely to have a mild or asymptomatic infection, meaning that the infection may go undetected or undiagnosed.

When symptomatic, children shed virus in similar quantities to adults and can infect others in a similar way to adults. It is unknown how infectious asymptomatic children are.

While very few significant outbreaks of COVID-19 in schools have been documented, they do occur, and may be difficult to detect due to the relative lack of symptoms in children

Kinder übertragen aber in die Haushalte so leicht wie Erwachsene. Deswegen ist es eben sehr wichtig, auch symptomfreie Infektionen zu erkennen, nicht nur symptomatisch erkrankte Kinder.

Die dritte Quelle verweist auf den aktuell in Österreich vorherrschenden Fall mit hohem Infektionsgeschehen in der Gesamtbevölkerung.

Testungen sollten in Betracht gezogen werden, wenn

People in a school setting who show signs or symptoms consistent with COVID-19 while at school.
Schools in a community where public health officials are recommending expanded testing on a voluntary basis including testing of a sample of asymptomatic individuals, especially in areas of moderate to high community transmission.

In der vierten Quelle gibt es nach aktuellem Stand deutliche Einschränkungen bei der Sinnhaftigkeit von ausschließlich symptomatischen Testungen, da u.a. symptomfreie Fälle übersehen werden können.

In Summe basiert die Empfehlung also auf einer anderen Interpretation der zitierten Quelle als von den Autoren der Quelle selbst.

Faktencheck Teil 2

Journalist: Frau Apfalter, Sie haben vor noch gar nicht langer Zeit, vor wenigen Wochen gesagt, die zweite Welle ist der Teststrategie geschuldet und nicht den Erkrankungszahlen, und Sie haben Gurgeln damals absolut abgelehnt. Wie ist denn Ihre Meinung mittlerweile angesichts dieser Zahlen?

Fakt: Die zweite Welle ist tatsächlich auf die steigende Zahl an Covid19-Fällen zurückzuführen, nicht auf eine steigende Zahl an Testungen oder eine veränderte Teststrategie. Die stark steigende Zahl an Hospitalisierungen und intensivpflichtigen Covid-19-Patienten ebenso wie die zunehmende Zahl der Todesopfer ist Realität.

Stand, 05. November 2020

Bezogen auf zwei schwer betroffene Länder wie Spanien und USA hat Österreich Spanien bei den täglichen Neuinfektionen bereits überholt und bei den täglichen Todesopfern zur USA aufgeschlossen.

Apfalter hat die Chuzpe, trotz der für jeden verfügbaren Zahlen immer noch von einer geänderten Teststrategie zu faseln, dass anfangs nur symptomatische Personen mit Aufenthalt in Risikogebieten getestet worden wären und aufgrund unterschiedlicher Testarten mit Ausweitung auf symptomfreie Personen „die Medizin verlassen worden wäre.“

Das beantwortet aber nicht die Frage des Journalisten nach den steigenden Erkrankungszahlen, die sich in den schweren Verläufen niederschlagen, die durch Hospitalisierte, Intensivpflichtige und Todesfälle sichtbar sind, und der in Österreich unbekannten Zahl an Longcovid-Patienten, die noch 3 Monate nach der Infektionen akute Beschwerden haben, allgemeine Schätzungen gehen von 10-25% aller Infizierten aus.

Fakt: Covid19 kann nur durch einen PCR-Test eindeutig nachgewiesen werden.

Apfalter deutet an, dass Infektionsmediziner und Ärzte, die mit Patienten zu tun haben, darauf gedrängt hätten, dass PCR-Testergebnissen nicht zu viel Bedeutung beigemessen würde, sondern dass symptomatische Fälle im Mittelpunkt des Interesses stehen sollten.

Gegenwärtiger Kenntnisstand ist aber, dass 20% der Infektionen asymptomatisch verlaufen und die restlichen 80% später Symptome entwickeln. Es ist allgemeiner wissenschaftlicher Konsens, dass asymptomatische und symptomatische Personen eine ähnliche Viruslast aufweisen. Asymptomatische sind höchstens kürzer infektiös als symptomatische Personen und scheiden weniger aus, sofern sie nicht gerade im Kirchenchor singen oder Reden auf einer Vereinsfeier halten. Ebenso ist es wissenschaftlicher Konsens, dass man vor dem Auftreten erster Symptome am ansteckendsten ist, daher muss das Interesse darin liegen, präsymptomatische und asymptomatische Fälle frühzeitig zu erfassen, bevor es zu Ansteckungen kommt. Seit März wissen wir, dass die Ansteckungen auch ohne Symptome passieren können, sonst hätte man im Mai keine allgemeine Maskenpflicht eingeführt – schließlich hätte es dann ausgereicht, dass nur symptomatische Personen Masken tragen müssen. Wenn nur die symptomatischen Covid19-Fälle von Relevanz wären, hätte man die Pandemie schon lange besiegt.

Fakt: Die Spitäler laufen weiter im Normalbetrieb, während die Zahl der Covid19-Patienten dramatisch ansteigt.

Apfalter führt die starke Auslastung der Spitäler auf die saisonale Zunahme von (schweren) Atemwegsinfekten zurück und unterstellt, dass die Umrüstung der Krankenhäuser als Vorbereitung auf hunderttausende Erkrankte im März und April den jetzigen Notstand bedingen würde.

Die Zahl der Covid19-Patienten lügt nicht und Spitalsärzte lügen ebenso nicht.

Bei uns krachen jetzt die Normalstationen. Gerade noch ohne Gangbetten ausgegangen. COV+ am Gang – so viele O2-Flaschen haben wir ja gar nicht, und der Schutz des Personals wird auch schwierig. Jetzt werden andere Stationen geräumt. K.A. wohin mit den COV-.

Aus einem Wiener Spital, 05. November

Icu heute zur reinen Covid icu gemacht, Covid neg auf eine Normalstation, die zur 2. Icu umfunktioniert wird, da dort alle techn. Anschlüsse. Diese Pt mit HDf und Tubus.

Aus einem Spital in Niederösterreich, 05. November

Ich gehe davon aus, dass die zitierten Ärzte selbst beurteilen können, ob sie eine Covid19-Erkrankung oder einen Atemwegsinfekt einer anderen viralen Erkrankung vor sich haben.

Fakt: Wenn infizierte Personen erst nach einer Inkubationszeit von durchschnittlich 5-6 Tagen erste Symptome entwickeln, dann macht es keinen Sinn, die Quarantänezeit auf fünf Tage zu verkürzen. Auch leichte symptomatische Verläufe können mit Spätfolgen einhergehen.

Apfalter würde die Quarantäneregeln differenziert überarbeiten, sodass auch leicht erkranktes Gesundheitspersonal arbeiten könnte. Sie unterstellt, dass die Quarantäne bei Kinder überflüssig wäre und nur das Personal in Krankenhäusern und Alten/Pflegeheime durch die Aufsichtspflicht binden würde.

Nicht nur bei Kindern (zum Glück selten), sondern auch bei Erwachsenen können Komplikationen auch nach einem milden oder völlig symptomfreien Verlauf auftreten. Es ist also unbedingt nötig, die Quarantänezeit abzuwarten, bevor man wieder arbeiten geht und selbst dann sollte der Gesundheitszustand genau überprüft werden, um schwerwiegende Komplikationen nicht zu übersehen. Die stv. Leiterin der Allgemein Chirurgischen Intensivstation der Medizinischen Universität Innsbruck und Vorsitzende ARGE Ethik, Barbara Friesenecker, rät davon ab, asymptomatisch getestetes Gesundheitspersonal arbeiten zu lassen:

Ich halte es für ausgesprochen gefährlich, wenn man Menschen, die positiv getestet sind, arbeiten lässt. Auch für die Menschen, die dann abeiten sollen, weil man muss ja doch schon sagen, dass dieser Körper mit dem Virus in Kontakt war, dass das Immunsystem des Körpers, und so erklären wir uns ja, dass manche Menschen sehr krank werden, und andere Menschen fast gar nicht krank werden, je nach ihrem Immunsystem mit diesem Virus fertig werden oder nicht. Und wenn wir Personen arbeiten lassen, die Kontakt mit Viren gehabt haben, die Virus-positiv sind, egal ob jetzt Antigen oder Antikörpertest, dann muss man einfach sagen, setzen wir diese Personen dem Risiko aus, dass sie unter Umständen durch die Belastung der Arbeit, und die Arbeit auf einer Intensivstation ist maximal anstrengend, dass sie dann einfach krank werden. Und sonst vielleicht mit ihrem Immunsystem unter Umständen so beherrschen können, dass sie weniger schwer krank werden. Das halte ich für ausgesprochen riskant und eigentlich für nicht fair, dass man gerade jetzt bei Gesundheitspersonal sagt, die sind zwar positiv, aber die können ruhig arbeiten gehen. Es ist in meinen Augen nicht gut.

Barbara Friesenecker in der ORF-Sendung „Im Zentrum“, am 01.11.

Fakt: Der Gurgeltest ist wissenschaftlich validiert.

Apfalter deutet an, dass der durchgeführte Gurgeltest nicht den Qualitätskriterien entsprochen hätte und bei asymptomatischen Fällen eine andere Relevanz hätte als medizinische Diagnostik. Die Ergebnisse würden aber trotzdem Konsequenzen wie Quarantäne nach sich ziehen, was sie für problematisch hält.

Mikrobiologe Michael Wagner betont, dass Gurgeln und Rachenabstrich absolut vergleichbare Ergebnisse liefern. Die Akuttestungen in den Schulen ergaben bei 5910 Gurgeltests insgesamt 208 positive Fälle. Das entspricht 3,52% Positivrate zwischen Mitte September und Mitte Oktober. Dafür, dass nur auf Verdacht getestet wurde, ist das eine relativ hohe Zahl. Bei der Gesamtzahl aller Tests österreichweit im besagten Zeitraum lag die Positivrate bei 3-7%. Zum Sinn der Quarantäne wurde schon alles gesagt.

Fakt: Bei hoher Inzidenz in der Bevölkerung spielen die Schulen sehr wohl eine große Rolle im Infektionsgeschehen. Bei niedriger Inzidenz kann sich das Virus symptomfrei in der Schule verbreiten und dann verzögert in den Haushalten zu sichtbaren (symptomatischen) Cluster-Ausbrüchen.

Apfalter hält ein sehr gutes Hygienekonzept in der Schule (und den Krankenhäusern) für wichtiger als Screeningtests symptomfreier Bevölkerungsgruppen. Sie glaubt, dass sich dadurch nichts an der Gesamtsituation verbessern würde.

Ich glaube schon, denn Woche für Woche meldet uns die AGES in ihren Cluster-Analysen, dass über ein Drittel bis die Hälfte der Infektionen übers Contact Tracing nicht zu einer Indexperson bzw. einem Quellcluster zurückgeführt werden können. Je mehr symptomfreie Überträger man durch Screeningtests erwischt, desto eher lassen sich die Ansteckungen alle rückverfolgen und die Infektionsketten durchflexen. Johnson et al. warnen davor, Schulen ohne Kontrollmechanismen und ausreichende Schutzmaßnahmen zu öffnen, und zwar sogar unabhängig der Prävalenz in der Bevölkerung. Entscheidende Schutzmaßnahmen werden einfach nicht umgesetzt, dazu zählen nämlich auch Masken für Schüler, nicht nur für Lehrer, und wirklich ausreichendes Lüften. Die Masken sind für Kinder weniger das Problem, sie tragen lieber Maske als von zuhause lernen zu müssen.

Yes, I work in a school in Germany. Face masks at all times, movement and mixing of year groups minimised, rooms fully ventilated every 20 minutes, distancing where possible, emphasis on hand hygiene. No cases so far in a school of 650 pupils plus 100 or so staff.

Lesley Martin, Lehrerin in Deutschland

Apfalter macht eine Ergänzung zum Thema Lehrer mit FFP2-Masken schützen, gerne als Direktzitat:

Also ich glaub auch, die Botschaft an die Lehrerinnen und Lehrer muss sein, dass der Ort der Schule für sie ein sehr sicherer Ort sein wird, und zwar wahrscheinlich weniger, äh, wesentlich sicherer wie äh, so quasi äh, das, die anderen Lebens-, äh, felder, in denen man sich bewegt. Man lebt ja nicht in der Schule, man geht auch wieder hinaus. Und wir sehen einfach, dass eigentlich die Haushaltskontakte, die Freizeitkontakte die wesentlichen sind, wo wir die Clusterbildungen haben, und es war nicht die Schule, es ist nicht die Schule, die der Treiber ist.

Es ist nicht rational erklärbar, weshalb sich Schüler und Lehrer nur in der Freizeit und im eigenen Haushalt anstecken sollen, aber das Virus den Klassenraum meidet wie der Teufel das Weihwasser. Die zahlreichen Schulcluster lassen das Gegenteil vermuten. Simulationen zur Aerosol-Übertragung unterstützen diese Vermutung.

Die Lehrer haben übrigens acht Monate nach Beginn der Pandemie in Österreich tatsächlich FFP2-Masken erhalten. Eine pro Person. Mit Ventil. KinderbetreuerInnen (kein Lehrpersonal) haben lediglich einfache OP-Masken bekommen.

Link zum Download des Transkripts:

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