Tag 5, 16.03. – Erlass

02.00 Inzwischen gibt es einen offiziellen Erlass der Republik Österreich, der die Ausgangssperre regelt, vorerst für eine Woche:

Auf Grund von § 2 Z 1 des COVID-19-Maßnahmengesetzes, BGBl. I Nr. 12/2020, wird verordnet:

§ 1.

Zur Verhinderung der Verbreitung von COVID-19 ist das Betreten öffentlicher Orte verboten.

§ 2.

Ausgenommen vom Verbot gemäß § 1 sind Betretungen,

1.

die zur Abwendung einer unmittelbaren Gefahr für Leib, Leben und Eigentum erforderlich sind;

2.

die zur Betreuung und Hilfeleistung von unterstützungsbedürftigen Personen dienen;

3.

die zur Deckung der notwendigen Grundbedürfnisse des täglichen Lebens erforderlich sind und sichergestellt ist, dass am Ort der Deckung des Bedarfs zwischen den Personen ein Abstand von mindestens einem Meter eingehalten werden kann;

4.

die für berufliche Zwecke erforderlich sind und sichergestellt ist, dass am Ort der beruflichen Tätigkeit zwischen den Personen ein Abstand von mindestens einem Meter eingehalten werden kann;

5.

wenn öffentliche Orte im Freien alleine, mit Personen, die im gemeinsamen Haushalt leben, oder mit Haustieren betreten werden sollen, gegenüber anderen Personen ist dabei ein Abstand von mindestens einem Meter einzuhalten.

§ 3.

Die Benützung von Massenbeförderungsmitteln ist nur für Betretungen gemäß § 2 Z 1 bis 4 zulässig, wobei bei der Benützung ein Abstand von mindestens einem Meter gegenüber anderen Personen einzuhalten ist.

§ 4.

Im Fall der Kontrolle durch Organe des öffentlichen Sicherheitsdienstes sind die Gründe, warum eine Betretung gemäß § 2 zulässig ist, glaubhaft zu machen.

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Das bedeutet, öffentliche Verkehrsmittel sind nicht für Spaziergänge oder sportliche Aktivitäten an anderen Orten vorgesehen, also defakto darf ich mich – abseits zur Anfahrt zum Flughafen – nur noch innerhalb meines Grätzels aufhalten. Das ist wirklich bitter. Menschen mit Auto sind mobiler, können überall hinfahren, in den Wald, sogar in die Berge. Mit dem Rad fahr ich eine Zeit lang bzw. einiges bergauf (und ich bin völlig untrainiert). Eine Woche wäre das aushaltbar, aber realistisch sind momentan eher vier bis sechs Wochen. Naja, ein gutes Radtraining wird das. Ich weiß nur, dass der Wald das effektivste Antidepressivum für mich sein wird, also eine längere Anfahrt werd ich wohl riskieren. Ich glaube für Menschen wie mich, die alleine leben („Single“-Dasein), ist diese Krise noch viel schwieriger durchzudrücken als für Paare, auch wenn sie lange aufeinanderpicken, ja das kann anstrengend werden, aber bringt auch Trost und Ablenkung.

02.45

Ein exzellenter Text (vom 14.03.) darüber, warum die drastischen Maßnahmen wie „Community-Quarantäne“ notwendig sind, von Dr. Edsel Salvana, Experte für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin und führendes Mitglied einer technischen Beratergruppe für die IATF (Inter-Agency Task Force)

https://www.rappler.com/newsbreak/iq/254521-things-to-know-community-quarantine

11.00

Um es klarzustellen, Radfahren ist weiterhin erlaubt!
Darf ich auf den Berg gehen, an den See fahren, eine Runde durch die Stadt machen?
Auch in Zeiten von Corona bleibt eine Runde ums Haus, Joggen, eine Radtour, aber auch etwa in den Wienerwald fahren, um dort spazieren zu gehen, erlaubt (sechste Ausnahme). Wichtig ist, dass man nur im engsten Kreis unterwegs ist – und ein Meter Abstand zu anderen gewährleistet ist, erläuterte das Gesundheitsministerium die neuen „Verkehrsbeschränkungen“.

https://www.kleinezeitung.at/international/corona/5785293/Fragen-Antworten_Darf-ich-auf-den-Berg-Freunde-treffen-mit-dem

Außerdem sind die Bundesgärten nach den aktuellen Informationen weiter geöffnet, also auch Augarten oder Lainzer Tiergarten. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass sich das noch ändert, weil außer die Polizei kontrolliert auch dort (würde ihnen btw, selbst gut tun, wenn sie bissl Natur und frische Luft haben).

Zum Schluss noch ein paar Hinweise

Stand, 08.00 sind 968 Fälle in Österreich bestätigt, das sind rund 100 mehr als gestern Nachmittag.

16.00

Wie sah mein Tagesablauf bisher aus? Ich hab naturgemäß schlecht geschlafen, bin mit trockenem Hals aufgewacht. Dann wurde ich angerufen, dass meine Nachtschicht heute gecancelt wurde, stattdessen hab ich am Mittwoch Tagdienst. Der Flugbetrieb bleibt offen wegen dringend benötigter Güter, z.b. Lebensmittel und Medikamente. Das bleibt so lange, bis alle infiziert sind und alles steht. Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst, deswegen möchte ich selbst den Lebensmitteleinkauf vermeiden und bestelle notfalls bei amazon.de oder bei nunukaller.com – eine Plattform mit einer Übersicht über zahlreiche Artikel, die derzeit (noch) online bestellt werden können. Ich darf unter keinen Umständen ausfallen, denn plötzlich zähle ich zu den systemrelevanten Arbeitskräften. Vor einigen Tagen hatte ich noch gehofft, möglichst frühzeitig infiziert zu sein, wenn genug Kapazität der Ärzte vorhanden ist, um notfalls behandelt zu werden. Inzwischen mehren sich Berichte darüber, dass die Krankheit auch für jüngere Menschen lebensbedrohlich ist, und Priorität hat jetzt wohl einfach, es sich nicht einzufangen.

In den nächsten zwei bis drei Tagen entscheidet sich, ob ich mir was eingefangen habe, als ich leichtsinnigerweise noch vergangenen Dienstag und Mittwoch mit den Öffis und Umsteigen in den Wienerwald und in den Dunkelsteinerwald wandern gefahren bin. Heute wäre der 5. bzw. 6. Tag nach den Wanderungen, was der durchschnittlichen Inkubationszeit entspricht. Ich könnte mir aber auch was eingefangen haben, als ich am vergangenen Donnerstag und Freitag mit den Öffis in die Arbeit und nach Hause gefahren bin. Who knows?! Laut Robert-Koch-Institut ist die Tröpfcheninfektion der dominante Übertragungsweg, also enger (!) Kontakt mit den Mitmenschen (miteinander sprechen bei geringem Abstand, Husten, Niesen) und weniger die Schmierinfektion über Oberflächen. Anscheinend sind bisher die meisten Infektionsketten klar auf engen Kontakt zurückzuführen. Daraus könnte man schließen, um ein Klischee zu bedienen, dass Autisten seltener betroffen sind, weil sie oft weniger soziale Kontakte haben, bzw. diese eher über digitale Kommunikationsmittel pflegen. Und wenn sie welche haben, schütteln sie ungern Hände oder vermeiden allzu engen Körperkontakt mit Fremden. Who knows? Am Donnerstag haben wir uns in der Arbeit noch die Hand geschüttelt, am Freitag nicht mehr. Wie viele hundert Mal ich danach im Gesicht herumgegriffelt habe, weiß ich nicht.

Zurück zum Tagesablauf, ich hab die Spülmaschine angeschaltet, das steinharte Brot in der Pfanne gebacken, das über Nacht offen in der Papiertüte lag, mit Ei, Milch und Gewürzen. Früher hätte ichs wohl weggeworfen, aber mit der Lebensmittelverschwendung ist jetzt vorbei. Bisher hatte ich noch keinen Sinn dafür, neue Routinen aufzubauen. Ich hab die neue Normalität noch nicht akzeptiert. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass in nächster Zeit sehr viele Psychologen und Therapeuten gefragt sein werden, teils ehrenamtliche seelische Betreuung zu leisten. Die Angstattacken sind immer da, die soziale Isolation tut ihr übriges. Ja, obwohl ich Autist bin, aber wenn man völlig fremdbestimmt ist, wann man wieder seine Freunde sehen darf, dann ist das weit weniger aushaltbar, als wenn man aus freien Stücken entscheidet, daheim zu bleiben. Gestern hatte ich den letzten regulären Dienst für eine sehr lange Zeit. Ich glaube auch, man würde der Bevölkerung insgesamt mehr Vertrauen geben und Disziplin einfordern können, wenn für alle Betroffenen versichert werden könnte, dass sie ihren Job nicht verlieren und unbürokratisch Geldmittel erhalten, sofort, nicht erst in einem halben Jahr. Wie man den gigantischen Schuldenberg je zurückzahlen will und soll, darüber kann man sich nach der Krise Gedanken machen.

Das Virus betrifft zwar alle, aber nicht alle gleich. Der bekannte demographische Faktor. In Wahrheit ist es aber ein Städte- und Touristenvirus. Ländliche Regionen ohne Massentourismus sind geringer betroffen, hier kann auch keiner überwachen, ob der Bauer von Hof Nr. 13 auf 1200m Höhe in den Bergen die Ausgangssperre einhält. Dort dreht sich das Leben weiter, als wäre nichts geschehen. Im Wanderforum mehren sich die Berichte von Bewohnern, die mitten in den Bergen leben und direkt vom Haus weg starten können, ohne den ganzen Tag Gefahr zu laufen, anderen Menschen zu begegnen. In der Stadt empfinde ich es als brutal. Während am Land rein optisch alles unverändert bleibt, vielleicht etwas weniger Verkehr auf den Landstraßen, fällt die Menschenleere in der Stadt überall auf. Es fällt auf, wie alle in ihren vorgeschriebenen Abständen unterwegs sind, sich ausweichen, die Straßenseite wechseln, die panischen Blicke, wenn jemand hustet oder niest. Man sieht die geschlossenen Geschäfte, den verrammelten Park, was besonders bitter bei den kommenden frühlingshaften Temperaturen sein wird. Man wird an jeder Ecke daran erinnert, dass das vorher der normale Arbeitsweg war, der Gang zum Bäcker, die betrunkenen Jugendlichen, die vom Flex her die Stiege hinauftorkeln, die sonst beschleunigten Schritte, um die Bim noch zu erwischen. Und das war kein schleichender Rückfall, sondern vollzog sich innerhalb weniger Tage. Am letzten Mittwoch bin ich noch auf gewöhnlichem Weg in die Bahn gestiegen und hab meine Wanderung gemacht, bereits am Samstag herrschten erste Beschränkungen.

Jetzt fallen sukzessive weitere Privilegien, die wir 75 Jahre lang für selbstverständlich erachtet haben. Versammlungsfreiheit, Bewegungsfreiheit, Reisefreiheit. Zugleich wird auch klar, dass diese Krisensituation nicht so schnell vorübergehen wird. Realistischerweise kann die Freiheit sich zu bewegen und seine Liebsten in die Arme zu schließen, erst dann wieder zurückkommen, wenn i) ein genügend großer Teil der Bevölkerung das Virus hatte und wieder genesen ist bzw. ii) ein wirksamer Impfstoff entwickelt wurde, um die gefährdeten Risikogruppen vor der Ansteckung zu schützen. Ein Virologe hat gestern bei Anne Will gesagt, wenn es uns gelänge, global für 2-3 Wochen einen Shutdown zu vollziehen, dann wäre das Virus Geschichte, es würde keinen Wirt mehr finden. Doch das ist utopisch. Bei jeder neuen Maßnahme finden sich wieder Leute, die sich daran nicht halten und einen potentiellen Wirt für das Virus darstellen. Die totale Ausgangssperre wird kommen und glücklicherweise leben wir im Wohlstand und sollten in der Lage sein, via Nachbarschaftshilfe Lebensmittel untereinander zu verteilen, sollte es knapp werden. So wie derzeit wird es aber wohl nicht bleiben können, dass die Massen ohne Abstand zu halten in die Läden strömen.

Ich hab mich nicht besonders geschickt angestellt beim Vorräte anlegen. Am Anfang hielt ich die Panik für übertrieben, als dann die Hamsterkäufe einsetzten, besorgte ich etwas mehr von dem, was ich mir üblicherweise 1-2x die Woche koche. Die restliche Zeit war ich immer beim Bäcker, in der Kantine oder ging Essen. Das Privileg des Wohlstands in der Großstadt. Dann war die Hölle los, ich musste weiter arbeiten und bekam danach weder Küchenrollen noch frisches Gemüse oder Obst. Jetzt traue ich mich nicht mehr in die Läden, die Leute halten zu wenig Abstand. Heute hatte ich kein Bedürfnis nach draußen zu gehen, aber da laut Bürgermeister Ludwig hunderte Menschen meinten, sie müssten heute aufs Amt, Behördendinge erledigen, würde es mich nicht wundern, wenn ich bald der Dumme bin, der die verbleibenden Tage ohne Ausgangssperre nicht genutzt hat.

Um 15.00 kamen die neuen Daten, von 8490 getesteten Personen sind 1016 positiv, genesen sind erst 6, Todesfälle gibt es 3. Das sind 50 Fälle mehr als heute morgen und 150 mehr als gestern. Der Anstieg bleibt also gleich und steigt nicht mehr exponentiell. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass anscheinend weniger getestet wird und die Zahlen die Realität nicht widerspiegeln.

17.15  Neue Zahlen vom ORF machen Hoffnung 

[…] Derzeit werden zwölf Erkrankte intensivmedizinisch behandelt, 107 sind in stationärer Behandlung.

In den vergangenen sieben Tagen nahmen die Fallzahlen täglich im Durchschnitt um 36 Prozent zu. Von gestern auf heute (jeweils Stand 8.00 Uhr) wurde hingegen ein Anstieg um 20 Prozent von 800 auf 959 registriert. Die Altersverteilung der bisher bestätigten Fälle zeigt: Die Erkrankten sind im Durchschnitt relativ jung. Nur 130 Betroffene sind laut Gesundheitsministerium älter als 64, weitere 134 zwischen 55 und 64 Jahre, alle anderen jünger.

Die bisherigen Krankheitsverläufe seien relativ ermutigend: Bei weit über 85 Prozent verläuft die Krankheit bisher milde, sie befinden sich in Heimquarantäne. […]

18.00 Key facts der WHO-Pressekonferenz übersetzt, Quelle: Twitteraccount 

Die WHO rät dazu, dass selbst milde Fälle in Gesundheitseinrichtungen isoliert werden sollten, um die Verbreitung zu verhindern und angemessene Hilfe leisten zu können. Viele Länder haben aber bereits die Kapazität dafür überschritten. In dieser Situation sollten die Länder ältere Patienten und solche mit Vorerkrankungen bevorzugen, manche Länder haben für die milderen Fälle Stadien und Turnhallen vorgesehen, eine weitere Option sei Heimquarantäne. Pfleger und Angehörige sollten medizinische Masken tragen, wenn sie sich zusammen in einem Raum aufhalten, sie sollten in getrennten Betten schlafen und verschiedene Badezimmer benutzen. Die Pflege sollte bestenfalls jemand übernehmen, der sich in guter Gesundheit befindet und keine Vorerkrankungen hat. Nach jedem Kontakt mit dem Patienten oder der unmittelbaren Umgebung sollte der Pfleger seine Hände waschen. Auch, wenn sich Erkrankte besser fühlen, können sie andere noch anstecken, daher sollten die Maßnahmen für mindestens zwei Wochen nach dem Verschwinden der Symptome weitergehen.

18.30 Informationen darüber, wie sich das Virus in der Luft verhält, Originalartikel

Masernpartikel sind klein und robust und können bis zu zwei Stunden an der Stelle verweilen, wo zuvor eine infizierte Person gehustet oder geniest hat. Derzeit deuten die Daten mehrheitlich daraufhin, dass das Coronavirus als Aerosol existieren kann, aber nur unter sehr begrenzten (Labor-)Bedingungen, und dass das nicht der Hauptweg ist, über den die Pandema gesteuert wird. Begrenzt bedeutet aber nicht „gar nicht“, weshalb es weiterhin extrem wichtig ist, medizinisches Personal zu schützen, besonders wenn sie etwa Patienten intubieren, wobei sie der größten Gefahr ausgesetzt sind, Covid19-Aerosole zu produzieren.

Covid19 wird über zwei Wege über die Luft verbreitet:

In Tröpfchenform ist es es für ein paar Sekunden in der Luft vorhanden, nachdem jemand geniest oder gehustet hat. Es kann sich nur über kurze Distanzen fortbewegen, bevor die Gravitationskräfte es nach unten ziehen. Jemand, der sich in dem Moment nahe genug befindet, kann sich infizieren. Wie alle anderen, die mit den Tröpfchen in Berührung bekommen, wenn sie zu Boden sinken. Das Virus kann mehrere Stunden auf Oberflächen überleben, daher ist es wichtig, sich die Hände zu waschen, nachdem man eine Oberfläche an einem öffentlichen Ort berührt hat.

Ein Aerosol ist ein gänzlich verschiedener physikalischer Zustand: Partikel werden durch physikalische und chemische Kräfte in der Luft gehalten. Nebel ist ein Aerosol, Wassertröpfchen werden in der Luft gehalten. Dort bleiben sie über Stunden, was von Faktoren wie Hitze und Feuchte abhängt. Jeder, der durch eine Virenwolke geht, kann infiziert werden. Es gibt gewichtige Gründe daran zu zweifeln, dass das neue Virus diese Fähigkeit hat, es gäbe nämlich sonst viel mehr Verbreitung. Bei Tröpfcheninfektion passiert es vor allem im engen Kontakt. Doch ein Aerosol-Covid19 kann in einem Aufzug inhaliert werden. Nach den aktuellen Berichten geschieht das nicht.

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